Rückzug auf Raten (2): Mit Litauern in den Dolomiten

Sonntag, 4. Februar 2007

Vor der endgültigen Rückkehr zu einem geregelten Studentenleben verpasste ich meiner internationalen Handlungskompetenz noch letzten Schliff und verbrachte eine Woche mit 20 Litauern und einem Engländer in den Dolomiten. Damit lag ich voll im Trend. Während vor einigen Jahren die Pisten der Alpensüdseite noch fest in deutsch- und italienischsprachiger Hand waren, ist die EU 27 mittlerweile auch an Sella und Grödner Joch gelebte touristische Realität.

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Dicke Kisten aus dem Osten: Wolfsburger und Ingolstädter aus Rumänien und Polen deuten auf steigende Kaufkraft in unseren befreundeten Ost-Nachbarstaaten hin und verdrängen den Teutonen als bedeutendste Auslandsmacht auf den Pisten Südtirols.

So hatten dann auch meine 20 litauischen Freundinnen und Freunde nach 28-stündiger Fahrt im Minibus die familiengeführte Residenz Konstantin im Bozener Umland erreicht. Wenn das Verhalten dieser Stichprobe im Rahmen eines Skiurlaubs auch nicht als repräsentativ für eine ganze Nation gesehen werden kann, so wurden doch einige soziokulturellen Züge litauischen Savoir Vivres sichtbar. Ein Kernpunkt hierbei ist die Wurst als dominantes Element der Küche. Zu Frühstück, Mittagessen und Abendessen passt kaum etwas besser in einen Skiurlaub als jede Menge Wurst. Meine kulinarischen Vorschläge für die Gestaltung des Abendessen wurden dann auch erst akzeptiert, als ich der Beimischung von Wurststücken in der Tomatensauce zustimmte. Trotz der Sauce wurde dann Ketchup zur Geschmacksaufbesserung in Echtzeit hinzugezogen. Glücklicherweise wurden wir dabei nicht von Italienern beobachtet.

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Nachts schützt der Wodka-Schuh vor Kälte.

Auch das gepflegte Saunieren in litauischer Gesellschaft wich von mitteleuropäischen Gepflogenheiten ab. Zur vermeintlichen Prävention der Dehydrierung nimmt man gerne das ein oder andere Dosenbier mit in die Sauna, das sich dort ebenso aufheizt wie Badehose und Bikini. Damit keine Langeweile aufkommt, finden alle fünf Minuten Aufgüsse statt, deren Feuchtigkeit durch Minimierung der Türöffnungszeiten gezielt im Raum gehalten wird.

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Ansprechende Skikleidung vor malerischer Kulisse

Tagsüber ging es hingegen auf die Piste. Der Sella-Rundweg, die neu gebauten Seilbahnen auf die recht hohe Marmolata und das gute Wetter sorgten für einen hohen Spaßfaktor. Damit hat sich wohl auch der erneut 28-stündige Heimweg für die litauischen Freunde gelohnt.

marmolata-panorama_1.jpgFreie Sicht und milde Temperaturen auf 3300 m Höhe

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Rückzug auf Raten

Dienstag, 23. Januar 2007

Nach einem Wettlauf soll man ja nicht sofort stehen bleiben oder sich gar ins Gras legen, sondern langsam auslaufen, um bereitstehende Energien noch zu verbrauchen. Dementsprechend begab ich mich nach Abschluss meines Praktikums auch nicht direkt nach Deutschland, sondern rastete in Paris noch zwei Tage bei Erasmusbekannten. Diese schleusten mich samt meiner 56 kg Gepäck nach meiner Ankunft Samstag um 22h direkt ins Pariser Nachtleben.  Wir  landeten in einer Bar, in der wiederholt „Joyeux Anniversaire“ (altbairisch: Happy Birthday) gesungen wurde und im Anschluss die Geburtstagskinder mit Pudding versorgt wurden. Ich offenbarte der versammelten Mannschaft, dass auch ich vor etwa zwei Wochen Geburtstag hatte und erhielt nach dem Ständchen meinen wohl verdienten Sahnepudding.

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Kulinarische Highlights und schmutzige Objektive im Pariser Nachtleben.

Mit diesem Abend waren soziale Pflichten danne erfüllt, so dass man sich am Sonntag endlich die Stadt ansehen konnte. Nicolas, ursprünglich aus Lille, nun aber Vertreter bei einem Milchkonzern, bot mir ein Dach über dem Kopf und zeigte mir noch dazu die Stadt.

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Touristenansturm vor Sacré Coeur

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Hier wurde wohl der Großvater von Sophie Neveu ermordet.

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Auch der Eifelturm stand glücklicherweise noch.

Montags stand Versailles auf dem Programm. Wie viele große Sehenswürdigkeiten blieben auch die Pforten dieser königlichen Bleibe montags verschlossen. Damit hatte ich einen ganzen Vormittag Zeit, um einsam durch die Schlossgärten zu flanieren. Bemerkenswert war vor allem, wie viele Franzosen bei 4 Grad dort mit kurzer Hose joggten oder sogar Rad fuhren.

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Hier blieben die Eingangstüren geschlossen.

Der Auslöser für den Versailles-Besuch war vor allem Maud. Sie hatte auch mit mir zusammen Erasmus in Mailand verbracht und arbeitete und lebte in Versailles. Am Vortag hatte sie per SMS vorgeschlagen, sich um 12.20h zum Mittagessen zu treffen. Ich schickte eine Bestätigungskurzmitteilung, rief dann aber um 12h dennoch nochmals bei ihr an. Hier ein Auszug des Gesprächs:

Maud: Allo.
Erasmus-Olli: Salut Maud, c’est Oliver. Ca va?
Maud: Oliver, c’est toi! Oui, ca roule et toi?
Erasmus-Olli: Ca va très bien. Ecoute, tu viens à manger?
Maud: Mais non, je dois travailler.
Erasmus-Olli: Ah bon?
Maud: Oui, je suis au travail. Tu es où?
Erasmus-Olli: Au château de Versailles. Donc tu  viens pas?
Maud: Non, je peux pas.
Erasmus-Olli: C’est dommage.
Maud: T’es à Paris jusqu’à quand?
Erasmus-Olli: Je pars ce soir.
Maud: Donc, on se voit la prochaine fois que tu viens à Paris.
Erasmus-Olli: Ah oui… Donc à la prochaine fois.
Erasmus-Olli: (pensant) Mais quelle saloppe. D’abord, elle m’envoie un message pour me dire qu’on va déjeuner ensemble. Moi, je conferme et je l’appelle quand même 20 min avant le rendez-vous et elle me dit qu’elle ne peut pas parce qu’elle doit travailler. Elle ne savait pas ca avant? Et en plus elle ne m’a pas appele pour me dire qu’elle ne viendrait pas… Quelle conasse…
10 Minuten später wurde Erasmus-Olli angerufen. Es war Maud. Hier wiederum ein Auszug des Gesprächs:

Erasmus-Olli: Maud?
Maud: Oui, salut Oliver, ca va?
Erasmus-Olli: Oui, ca va toujours. Toi?
Maud: Ca va bien. Je t’appelle pour te dire que je vais être au château dans 10 min. Donc on se retrouve devant?
Erasmus-Olli: Ehhh … oui. Moi, je t’attends.
Maud: A plus.
Erasmus-Olli: A plus.

Nun. Was mir erst während des zweiten Gesprächs klar wurde, war, dass ich wohl die falsche Maud angerufen hatte. In Mailand gab es nämlich zwei von der Sorte. Die Gesprächsteilnehmerin des ersten Anrufs dürfte sich wohl heute noch wundern, was mein merkwürdiger Anruf sollte. Da frage ich sie einfach so, ob sie in 20 Minuten mit mir in der Nähe von Versailles essen gehen will. Die richtige Maud erschien dann pünktlich vor dem Schloss und wir konnten in gepflegtem Ambiente einen Döner mit Messer, Gabel, Servietten und Wasserkaraffe konsumieren.

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V.r.n.l.: Ehemalige Erasmusstudenten bei der Mittagspause bzw. beim blöden Grinsen in touristischer Mission

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Zweimal Erasmusstudent a.D. und Milch-Verter mit Dienstwagen.

Am Montag Abend war dann auch dieser Ausflug viel zu schnell zu Ende. Ich stieg in meinen Nachtzug und traf dort auf ein australisches Pärchen, das gerade seine Surfausrüstung in den Zug lud. Sie hatten einen Aufenthalt in Chile hinter sich und waren von den niedrigen Temperaturen in Europa sichtlich gezeichnet. Noch dazu war in dem deutschen Nachtzug die Heizung ausgefallen. Kevin erzählte mir unter seiner Wollmütze, dass er noch nie in seinem Leben Schnee gesehen habe und sich nun auf Österreich freue.

Am nächsten Morgen standen wir wieder vor dem Fenster im Gang des Zuges. Mittlerweile hatte sich eine kleine Schneedecke über Südbayern gelegt und Kevin bewunderte die Schönheit der mit Schnee bedeckten Gleise und Bahn-Baracken, während er in seine Wollhandschuhe nieste. Nun war ich also wieder in Bayern – Nachtzüge ohne Heizung, graue Bahnbaracken und Touristen mit eingetrübter Realitätswahrnehmung. Da ist es doch an der Zeit, mal wieder ein bayerisches Bier zu trinken.


Top 10

Freitag, 19. Januar 2007

Heute war der letzte Tag meines Prakikums – Zeit, Bilanz zu ziehen. In Satirekreisen besonders beliebt ist in diesem Kontext eine Top 10. Hier die zehn deutlichsten Anzeichen für einen gelungenen Abend im französischen Nachtleben der letzten drei Monate:

10. Man hat sich Luigi gegenüber als Mario ausgegeben.
9. Am nächsten Morgen fällt einem ein, dass man den Mexikaner bereits drei Wochen zuvor kennengelernt hatte und ihm auch dieselbe Geschichte wie am Vorabend erzählt hatte.
8. Man hat im Nachtleben Bekannte entdeckt, von denen man gar nicht wusste, dass sie in der Stadt lebten, in der man sich gerade aufhielt.
7. Man stellt am nächsten Morgen beim Blick auf das Handy fest, dass man einer Radtour zugesagt hat, die in zehn Minuten beginnt.
6. Die Tanzpartnerin verabschiedet sich nach einigen Minuten mit dem Hinweis, generell auf Frauen zu stehen.
5. Man hat im Aufzug „Time to drück auf drei“ mit der Melodie eines Klassikers von Andrea Bocelli in Konzertlautstärke zum Besten gegeben.
4. Der Weg vom Bett ins Bad ist nur mit äußerster Geschicklichkeit passierbar, ohne leere Getränkeflaschen umzustoßen.
3. Man kriecht um fünf Uhr morgens auf allen Vieren zwischen Matratzen umher auf der Suche nach einer Wasserquelle zur Brandbekämpfung.
2. Man hat im Laufe des Abends Alkohol auf der Straße gefunden und auch konsumiert.
1. Man wird mitten im Schlaf gebeten, doch ein anderes Bett zu benutzen.


Randgruppen Teil 4/4: Die Erasmus-Studenten

Freitag, 19. Januar 2007

Aufmerksamen Lesern dieses Blog wird es nicht entgangen sein: Der vierte Teil der Serie über Randgruppen stand noch aus. Als seriöser Weblog-Verfasser musste ich nunmal zunächst hinreichend fundiertes Material finden, um hier auch keine Halbwahrheiten zu verkünden. Aus diesem Grund fand ich mich am Dienstag um 22 Uhr mit zwei weiteren Praktikanten in der sympathischen Kneipe „La Soûle“ („Die Betrunkene“) zu einem vermeintlichen Erasmusabend ein. Als um Mitternacht immer noch keine Erasmusstudenten eingetroffen waren, sah ich den journalistischen Auftrag schon stark gefährdet. Wir verabschiedeten uns voneinander und gingen getrennte Wege.

Kurs vor Ankunft an meinem Wohnheim kreuzten drei schlecht Französisch sprechende junge Damen meinen Weg. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass die Gruppe auf dem Weg zu einer vergleichsweise spektakulären Erasmusfeier war und ich beschloss, den Damen zu folgen. Kurze Zeit später erschienen mir persönlich bekannte Italiener vor dem Eingang, mit denen zusammen ich noch kurz ihren Rest an Wodka degüstierte, bevor wir die Disco betraten. Drinnen dann das übliche Erasmusleben: Alkoholkonsum ohne konsequente Zielorientierung, erfolgreiche wie erfolglose Annäherungsmanöver zwischen Männlein und Weiblein und die Erfahrung, dass man viele der Anwesenden schon bei vorigen Erasmusfeten kennengelernt hat, sich aber wegen verschärfter Alkoholisierung oder mangels Inhalt der Unterhaltungen an selbige nicht mehr erinnern konnte. Das zog sich dann bis drei Uhr hin, bevor ich als pflichtbewusster Praktikant in Richtung Wohnheim aufbrach.

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Großzügige Italiener vor der Diskothek Mr Carneval

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Man sieht ganz deutlich, dass einige Franzosen auch was Kleidung betrifft einen guten Geschmack haben.


Fiskaltourismus

Montag, 15. Januar 2007

Was für uns Tschechien ist, ist für Bewohner des Südwesten Frankreichs Andorra. In diesem Kleinstaat außerhalb der Europäischen Union kann man aufgrund niedriger indirekter Steuern günstig Konsumgüter des täglichen Bedarfs erwerben. Auf diese Weise stattet sich der Franzose regelmäßig in größerem Rahmen mit Pastis und Zigaretten, aber auch mit Elektronikartikeln aus.

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Alles, was man heutzutage zum Leben braucht: Zigaretten, DVD-Rohlinge, MP3-Spieler und Digitalkameras

Uns sind solche Anzeichen materialistischen Konsumhedonismusses natürlich völlig fremd und so brachen wir am Sonntag vor allem aus kulturellem Interesse zu einem Tagesausflug zu dem dreieinhalb Stunden entferntem Fürstentum auf. Nach etlichen Bergserpentinen durch kaum schneebedeckte Berglandschaften kamen wir in der Hauptstadt Andorra Vella an. Die kleine Betoninsel inmitten der Pyrenäen hat ihren ganz eigenen Reiz. Urbanistik und Luftqualität in den verkehrsreichen Straßen teilen einem ebenso wie die Nummernschilder der Autos implizit mit: Hier ist man nicht mehr in der EU.

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Ein Sportwagen mit amerikanisch-kompaktem Nummernschild

Der Hauptgrund für mich, den letzten Sonntag meines Aufenthalts hier in Andorra zu verbringen war aber sprachlicher Natur. In Andorra spricht man nämlich überwiegend Katalan. Damit bot sich beispielsweise die Gelegenheit, Angestellte im Fremdenverkehrsbüro mit der auf Katalan übermittelten Information, dass die Gruppe aus in Toulouse lebenden Deutschen bestehe, zu verwirren. Im Austausch für Informationen über Sehenwürdigkeiten mussten wir dann eine kurze statistische Befragung über uns ergehen lassen, an deren Ende ich die Frage „Com et sembla Andorra“ (Wie findest du Andorra?) mit „molt bó“ (sehr gut) beantwortete. Zu diesem Zeitpunkt konnte sich der Angestellte sein Lachen nicht mehr verkneifen und verstand wohl auch, dass die positive Bewertung nicht unbedingt empirisch fundiert war.

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Intellektuell anspruchvoller Scherz (1): Die Haare verdecken die Cedille unter dem zweiten C. Eigentlich weist das Schild nämlich auf ein Jagdverbot (vgl. chase/chasse/caza) hin und soll nicht etwa einen öffentlichen Stuhlgang unterbinden.

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Intellektuell anspruchsvoller Scherz (2): „Canut“ kann man je nach historischer Einbettung mit „Geldbeutel“ oder dem männlichen Geschlechtsorgan übersetzen.

Zum Ende des kurzen Aufenthalts hin stiegen wir die Andorra Vella umgebenden Hügel hinauf und flanierten bei sonnigem Wetter zwischen Schafen und Touristen über dem Betonmeer auf einem Panoramaweg. Die versammelte Mannschaft war sich einig, dass gerade aufgrund dieser unaufgeregten Koexistenz von urbanem Leben und ursprünglicher Natur der Kurztrip als positiv gewertet werden musste.

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Nahezu drei Bayern über dem andorranischem Häusermeer: Felix, Cornelia und der Erasmus-Olli.

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Die Gebirgslanschaft auf der Heimfahrt offenbarte ganz erhebliche Lücken in der Schneedecke. Hier muss nachgebessert werden.


Extra Bavariam Weichspülerum non est

Donnerstag, 11. Januar 2007

Gestern habe ich mal ordentlich was riskiert. Um die Packung nicht mit in den Internetraum nehmen zu müssen, ließ ich meinen Weichspüler gestern im Waschraum des Wohnheims und ging eine Stunde ins Internet, um anschließend Wäsche samt Weichspüler wieder aus dem Waschraum mit auf mein Zimmer zu nehmen. Ich war mir dessen bewusst, dass die nur mehr halb volle Weichspülpackung eines großen deutschen Discounters für diese Stunde Langfingern im Wohnheim schutzlos ausgeliefert sein würde. Trotzdem ging ich das Risiko ein, weil sich zum einen der Restwert der Packung in Grenzen hielt und ich zum anderen ja nur noch anderthalb Wochen in Toulouse verbringen würde.

Nun, der Weichspüler war jedenfalls nicht mehr da, als ich meine Wäsche wieder abholte. Aufgrund des Zugangsschutzes des Waschraums muss der Dieb ein Bewohner des Wohnheims sein, der sich durch diese Aktion um etwa 1 Euro bereicherte. Anders hingegen die Situation in Deutschland. Als ich im Morgengrau des 30. Dezembers mit meinem Fahrrad am Regensburger Hauptbahnhof ankam, bemerkte ich, dass ich das Schloss zu Hause vergessen hatte. Mangels Alternativen ließ ich das Rad ungesichert am Bahnhof zurück, von wo es mein Vater am 6. Januar unversehrt wieder abholte. Bayern ist halt schon geil.


Winter

Mittwoch, 10. Januar 2007

Gestern hat doch glatt jemand meinen Blog mit den Suchbegriffen „treff feuchte hose“ gefunden. Damit hier auch wirklich Hochgefühle aufgekommen, habe ich hier unten fast schon illegalerweise ein Bild vom Business-Lunch in der Siemens-Kantine mit hochqualifizierten Praktikanten abgebildet.

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Man spürt förmlich die heiße Atmosphäre in Toulouse. 


Auf den Spuren der Außenwirkung

Montag, 8. Januar 2007

In Zeiten des Web 2.0 braucht man sich dank des Studiverzeichnisses glücklicherweise keine Sorgen mehr darüber zu machen, dass die nichtstetigen Punkte der persönlichen Zeit-Alter-Funktion keine Beachtung finden, so dass ich hier gelassen von meinem Wochenendausflug nach Bordeaux berichten kann. Dank der Unterbringung durch Erasmusbekannte brachte das Wochende neben der touristischen Nutzlast vor allem den soziokulturellen Feinschliff mit sich, der zum Ende meines Aufenthalts in Frankreich hin ganz klar nicht fehlen durfte.

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Hier freut sich Felix, deutscher Siemenspraktikant und passionierter Mitreisender, zurecht: Kaum hat man ein Stück Kunststoff in der Galette (Kuchen) entdeckt, wird man zum König gekrönt.
So empfing uns in Bordeaux mit Alban und Kriszta aus Ungarn die intellektuelle Crème de la Crème meiner Mailänder Erasmusbekanntschaften sowie das erste Pärchen, für das eine Erasmusbekanntschaft letztlich in einer Ehe enden wird. Wir wurden mittags mit ungarischem Birnenschaps, Kartoffelauflauf, Bordeaux-Wein und – dem Dreikönigstag ensprechend – Kuchen versorgt und hatten damit den Restalkohol des Vorabends wieder erfolgreich aufgewärmt. Damit waren wir bereit für eine Stadtbesichtigung, in der sich Bordeaux als wesentlich bürgerlicher als das heiße Pflaster Toulouse herausstellt.

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Sandsteinfarbene Häuser am anderen Ende der weiten Garonne. Die dunklen Abschnitte der Pfeiler lassen erkennen, dass die Garonne den Gezeiten des Atlantiks folgt und deshalb mal höher, mal tiefer steht und mal in die eine, mal in die andere Richtung fließt.

In meiner Zeit in Mailand hatte ich öfter Franzosen getroffen, die kaum ein Wort Deutsch sprachen, dennoch aber regelmäßig zackigen Ausrufen von „Achtung!“, „Schnell!“ und „Jawohl!“ elementare Bestandteile deutscher Alltagssprache parat hatten. Außerdem fragte mich einmal ein Franzose, ob wir in Deutschland öfters beim Frühstück mit unseren Stühlen tanzten. Wie ich an diesem Abend herausstellte, war Louis de Funes an diesen beiden Umständen schuld. „La grande vadrouille“ (Die große Sause) ist nach Meinung unserer Gastgeber ein Film, der zur französischen Allgemeinbildung gehört, und so sahen wir uns das Schicksal drei englischer Bruchpiloten im von den Deutschen besetzten Paris des zweiten Weltkrieges an. Neben wiederholtem „Achtung!“ und „Schnell!“ fand sich in diesem Film auch der berüchtigte Frühstückstanz mit Stuhl wieder, der von uns Deutschen ja sehr geschätzt wird.

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Vor dem Filmstündchen wurden wir von Kriszta mit einem original-ungarischem Letscho versorgt. Prädikat: Hammer.

Am Sonntag fiel uns ein, dass man nicht in Bordeaux gewesen sein kann, ohne die Atlantikküste gesehen zu haben. Auch hier holte uns unsere Vergangenheit ein. Die Betonbauten, die sich stark konzentriert an einigen Strandabschnitten finden, sind nichts anderes als deutsche Bunker aus dem zweiten Weltkrieg. Wir beschlossen, als wahres Zeichen deutsch-französischer Versöhnung Baguette mit Käse und Wurst auf einem der Bunker zu essen. Wenn das die Väter der Römischen Verträge noch mitkommen hätten.

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Deutsche Relikte mit französischer Jugendkunst verziert an der Atlantikküste
Wir lauschten noch ein wenig den hohen Wellen und begaben uns anschließend völlig überwältigt von so viel Gastfreundschaft auf den Heimweg. Im TGV saßen wir einer Lehramt-Mathematik-Studentin gegenüber, die ihrer Aussage zufolge nur weibliche Kommilittoninnen an ihrer Uni in Toulouse hatte. Wie sehr sich doch manchmal unsere beiden Länder unterscheiden…

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Ebbe mit Alban, Kriszta, Felix und dem Erasmus-Olli.


Besinnliches Sylvester in Frankreich

Mittwoch, 3. Januar 2007

Wie Frankreichs Innenminister und wahrscheinlicher Präsidentschaftskandidat Sarkozy verkündete, verlief Sylvester in Frankreich dieses Jahr erfreulich ruhig. So wurden dieses Jahr in der Sylvesternacht lediglich 313 Autos angezündet, während im Vorjahr zum Jahreswechsel noch 425 Autos in Flammen standen. Ähnlich beruhigend ist auch die Bilanz des gesamten Jahres 2006. Hier stehen etwa 40.000 brennende Autos einer Zahl von 45.000 im Jahr zuvor gegenüber. Ob man das wohl unter der Frankreich beliebten nachfrageorientierten Konjunkturpolitik versteht?


Weltenbummelei

Dienstag, 2. Januar 2007

Ein Blog ist ja im Prinzip nichts anderes als ein Tagebuch. Deswegen ergibt (und nicht etwa macht) es Sinn, an dieser Stelle einen Tag zu beschreiben. Völlig unrepräsentativ und deswegen interessant war der 30. Dezember:

0.00h – Betreten der Suzie-Wong; unerwartetes Antreffen alter Jahrgangsalkoholiker aus der Gymnasialzeit; Konsum einer Flasche Bier; laue Unterhaltungen

2.30h – Aufbruch; eine zunehmend dicke Schneedecke ab Lappersdorf erschwert die Heimfahrt per Fahrrad; zum Ende hin hohe Steigung bei niedrigen Temperaturen

3.00h – Ankunft in Lappersdorf; Abspülen des Geschirrs des Tages; Packen des Reisegepäcks; Bereitlegen von Reisedokumenten; Überprüfen der Fahrtauglichkeit des wertarmen Zweitrades mit eher negativem Ergebnis

4.00h – Eine Stern-TV-Reportage zum Thema „Euro doch kein Teuro“ bestätigt meine in zahlreichen Diskussionen auf einsamer Flur verteidigten Positionen und verhindert ein sofortiges Einschlafen; anschließend Schlaf

5.30h – Klingeln des Weckers, anschließendes Aufstehen; Ausschalten von Strom und Heizung; Aufpumpen des Fahrrads

6.00h – Abfahrt mit dem wertarmen Zweitfahrrad; mangels funktionierender Bremsen übersteigt die Geschwindigkeit beim Herabfahren des mit Schnee bedeckten Hohen Sandes kaum 10 km/h; gelegentlicher Einsatz der Füße zur Geschwindigkeitsreduzierung; leichtes Unwohlsein aufgrund scharfer Kälte und Schlafmangels

6.30h – Ankunft Regensburg Hbf; Lösen des Bahntickets; Ausdruck des Bahntickets für Paris-München in drei Wochen; Kauf eines Tomaten-Mozzarella-Baguettes

6.43h – Abfahrt mit dem Regionalexpress; Farbe der Augäpfel: Tiefrot; Wirkung auf andere Fahrgäste: unbestimmt; Lesen von McKinsey Wissen zum Thema deutsches Gesundheitssystem

7.50h – Ankunft in Freising; Umstieg in die MVV-Linie 635; Ticketpreis: 2,20€

8.30h – Ankunft am Terminal 2 des Flughafens München; Lösen eines Boarding-Passes am Quick-Check-in-Automaten; Wahl eines von noch vier freien Plätzen; Konsum von Tee und Mitnahme der Zeit

9.15h – Abflug mit Ziel Toulouse; Einnahme eines Platzes neben einem 18-jährigen Franzosen; gemeinsames Durchschlafen; das lediglich von kurzen Essenspausen unterbrochen wird

11.00h – Ankunft in Toulouse; Hundekot in einem Gang direkt nach der Gepäckausgabe im Inneren des Flughafens als sicheres Zeichen, nun wieder in Frankreich zu sein; Busfahrt zur Wohnung

11.30h – Entsetztes Feststellen, dass die 11 Tage zuvor bestellten Bahntickets nach Barcelona nicht im Briefkasten gelandet sind; Fußmarsch zum Bahnhof; einstündiger Dialog mit einem Schalterbeamten und seiner Chefin, der in die Ausgabe neuer Bahntickets mündet

12.30h – Kauf einer Packung Lasagne im benachbarten Lidl; anschließend Verzehr

13.30h – Kurzer Statusbericht an Vertraute über Instant-Messaging-System; anschließend Gepäckoptimierung sowie erneuter Abmarsch Richtung Bahnhof

14.25h – Abfahrt des Zuges der Reihe Corail nach Narbonne; kurze Unterhaltung mit gegenüber sitzender und offensichtlich mitteilungsbedürftiger, alter Französisin; anschließend kurze Schlafphasen

15.40h – Ankunft in Narbonne; Wiederholung katalanischen Vokabulars und Grammatik am Bahnsteig

16.10h – Abfahrt nach Perpignan; positive Beantwortung der Frage zahlreicher Franzosen, ob dies der Zug nach Perpignan sei; Vertiefung katalanischen Vokabulars und Grammatik

16.43h – Ankunft in Perpignan; Konsum eines entsetzlich schmeckenden Fertig-Sandwiches aus einem Supermarkt; Entdecken eines katalanischen Hörfunkangebots mittels Radio-fähigen MP3-Players; Genuss katalanischer Nachrichten mit den Themen ETA-Bombenattentat in Madrid und Hinrichtung Sadams

17.20h – Abfahrt nach Port Bou; positive Beantwortung der Frage zahlreicher Franzosen, ob dies der Zug nach Port Bou sei; angenehme Fahrt aufgrund der fehlenden Auszeichnung eines Wagons mit breiten und bequemen Sitzen als erste Klasse; Studium des katalinischen Lehrbuchs mit kalanischen Hörfunkpassagen im Wechsel

18.10h – Ankunft in Port Bou; gezieltes Dahinvegetieren am Bahnsteig

19.20h – Abfahrt nach Barcelona; Kurzzeitger Versuch, durch Querlegen über drei Sitze eine Schlafphase zu erreichen; Aufgeben dieses Versuchs nach dem Einströmen von Passagiermassen; Wiederaufnahme der Lektüre über das deutsche Gesundheitssystem; zum Ende hin apathischer Genuss katalanischen Hörfunks und Betrachten katalanischer Passagiere, die Fahrtdauer von zweieinhalb Stunden über lediglich Löcher in die Luft starrten

21.48h – Ankunft in Barcelona; physisches Treffen der Kontaktperson mit Anhang; Vorschlag dieser Kontaktperson, das Nachtleben Barcelonas zu erkunden

22.30h – Konsum eines Sandwiches „Frankfurt“ mit Senf und Wurst sowie einer Dose Fanta in der Innenstadt von Barcelona

22.45h – Betreten eines Billiardlokals; Bestellen eines andalusischen Bieres zum für Barcelona sehr hohen Preis von 3,50€; sechs Partien Billiard mit abnehmender Zielgenauigkeit; teils erfolgloser Versuch, sportliche Defizite durch humoristische Einlagen in Katalanisch auszugleichen

23.59h – Weiterhin Billiardspiel, das noch bis etwa 1.30h andauern würde und nach dem ich um 2.00h in der Hospitationsfamilie ankommen würde, in der ich wiederum nach kurzem Abendessen um 2.30h einschlafen würde; subjektiver Eindruck der körperlichen und geistigen Reserven zu diesem Zeitpunkt: erschöpft.


Die Crux mit den Geschenken

Samstag, 23. Dezember 2006

In unserer arbeitsteiligen Gesellschaft macht ja jeder am besten das, was er am besten kann. Regelmäßig zur Weihnachtszeit bemerke ich dann, dass das Einpacken von Geschenken bei mir nicht zu diesen Kernqualifikationen gehört. Da versuche ich, Unzulänglichkeiten beim Verpackungsprozess an den innen befindlichen und damit nicht sichtbaren Teilen der Verpackung zu verbergen und bin froh, wenn der Tesa bis zum Auspacken des Geschenks durchhält und die zusammengewurschtelten Stellen nicht zum Vorschein kommen.

In jedem Fall reicht aber meine Realitätswahrnehmung so weit, dass ich meine Tätigkeit des Geschenkverpackens nicht gewerblich anbieten würde. Ganz anders verhielt sich das heute bei einer Angestellten im „Lafayette Maison“ in Toulouse. So hatte die Dame, die vor mir in der Schlange stand und nach außen hin bereits einen eher gestressten Eindruck machte, mit zwei quaderförmige Pflegeartikeln vermeintlich einfache Produkte zum Einpacken abgegeben. Was dann folgte, hätten Mr Bean oder auch ich nicht überzeugender darstellen können.

Zunächst muss man sich ja das Geschenkpapier passgenau zurechtschneiden. Dazu war eine Rolle mit Geschenkpapier vor einen scharfen Abreißbalken (ähnlich wie in einer Packung Frischhaltefolie) aufgehängt. Als auch der dritte Versuch scheiterte, das Papier mit Hilfe dieses Abreißbalkens sauber von der Rolle abzutrennen, erhöhte sich spürbar der Puls der wartenden Dame vor mir. Die Angestellte erkannte, dass sie mit alleiniger Verwendung des Abreißbalkens das Papier nicht sauber abtrennen können würde und schnitt sich mit einer Schere den Teil des Papiers zurecht, der in den bisherigen Abreißversuchen noch nicht eingerissen war. Die so zurechtgeschnitte Fläche war nur viel zu groß für den kleinen quaderförmigen Kosmetikartikel.

Immerhin kam inzwischen eine zweite Angestellte zur Hilfe. Sie beschloss, das zweite Produkt der schnaufenden Kundin zu verpacken, das sich in seinen Ausmaßen kaum vom ersten unterschied. Nach etwa zwei Minuten war dieses zweite Produkt dann verpackt, so dass die neue hinzugekommene Angestellte mein Geschenk verpacken konnte. Indes war der Verpackunsprozess des ersten Pflegeartikels der Dame vor mir immer noch in vollem Gange. Die Angestellte näherte sich mit Hilfe eines Approximationsverfahrens immer näher an die tatsächlich benötigte Fläche an Geschenkpapier an. Dabei griff sie schließlich zu Techniken, die selbst mir etwas zu puristisch sind. So wird das Geschenkpapier über Produkt gelegt und gefaltet. Der an den Rändern überstehende Teil des Geschenkpapiers wird nun im gefalteten Zustand abgeschnitten. Bewegt man nun das Geschenkpapier etwas, so ragt der unter Teile des Randes über den oberen Teil hinaus, was nicht unbedingt optimal aussieht. Durch geschicktes Zukleben der verpfuschten Stellen konnte der Verpackungsprozess dieses ersten Kosmetikartikels nach etwa zehn Minuten dann doch abgeschlossen werden und der Blutdruck der Dame vor mir in der Schlange schien wieder leicht zu sinken.


Initation à la dégustation

Samstag, 16. Dezember 2006

Wein ist in Frankreich ja total wichtig. Nur leider versteht man als Deutscher nicht allzu viel vom edlen Tropfen. Hier hakte eine kleine Erasmus-Organisation ein, die einen Abend zur Beseitigung önologischer Wissensdefizite zum bescheidenen Preis von neun Euro anbot.

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Konzentriertes Degüstieren

Es gibt drei Wege, um das Wesen eines Weines zu erforschen: Über die Augen, die Nase und den Mund. Man beginnt mit der Nase. Zunächst riecht man am ruhenden Wein und analysiert anschließend, welche Geruchselemente nach dem Durchschütteln des Weines hinzukommen. An dieser Stelle kommt der visuelle Sinn hinzu. Nach dem Durchschütteln lassen sich nämlich die Tränen des Weines erkennen – und je mehr Tränen man sieht, umso mehr Alkohol hat der Wein. Letzte Etappe ist dann der Geschmacksinn. Hier kommt es vor allem darauf an, den Wein lautstark von einem Ende des Mundraums an das andere zu befördern, um dabei nochmals möglichst viele Geschmackstoffe zu reaktivieren. Wichtig ist hierbei vor allem, nicht durch spontanes Lachen, das angesichts der merkwürdigen Geräusche aufkommen kann, den professionellen Gesamteindruck zu trüben.

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Alles da: Wein, Brot zum Neutralisieren des Geschmacks im Mundraum, ein Eimer, der einem die unerwünschte Alkoholisierung durch das Ausspucken erspart, sowie eine Dozentin


Vorsicht, Kunde!

Dienstag, 12. Dezember 2006

Mitarbeiter in Staatsbetrieben gelten ja oft als unmotiviert und wenig kundenorientiert. Dementsprechend hatte ich heute auch keine großen Erwartungen, als ich mich an einem Schalter der französischen Bahn SNCF über Möglichkeiten informieren wollte, an Sylvester günstig nach Barcelona zu gelangen. Der Schalterbesuch war auch erst notwendig geworden, weil die Homepage der französischen Bahn in den kurzen Momenten, in denen sie verfügbar ist, nicht in der Lage ist, eine derartig komplexe Verbindungsanfrage zu bearbeiten. Und ein paar Klicks auf der deutschen Seite liefern zwar nach wenigen Sekunden sämtliche Verbindungen, die allerdings aus verständlichen Gründen ohne Preisangabe ausgegeben werden. Interessanterweise gibt es übrigens lediglich drei brauchbare Verbindungen pro Tag, obwohl Toulouse und Barcelona jeweils die größten Städte in den „Ecken“ der beiden Länder und zudem keine 400 km voneinander entfernt sind.

So stand ich heute vor dem Schalterbeamten der SNCF. Er machte sich noch kurz mit seinem Kollegen über den Kunden vor mir lustig, bis er mir mit einem kurzen Blick signalisierte, dass er mir nun zuhören würde. Als ich ihm sagte, dass ich vor allem wissen wollte, wie teuer die Fahrt nach Barcelona sei, meinte er, dass mich das 50 Euro kosten würde. Auf meine Frage hin, ob das auch für 24-Jährige gelte, korrigierte er auf 40 Euro. Um sicherzugehen, fragte er noch seinen Kollegen, der das Gebot von 60 Euro auf den türkischen Bazar hinzufügte.

Ich bat, eine Verbindung herauszusuchen, um mir eine genaue Preisangabe zu geben. Mit einer gewissen Empörung nahm der Angestellte zur Kenntnis, dass ich seinen Lieblingszug um 7 Uhr morgens nicht nehmen könne und er deshalb nach Verbindungen nach 12 Uhr suchen musste. Während er auf seinen Fingernägeln kaute, scherzte er mit seinem Kollegen und klickte von Zeit zu Zeit auf seinem Bildschirm herum. Nach einiger Zeit fand er eine Verbindung für 16 Uhr, für die es jedoch keine ermäßigten Preise gab. Ich fragte, ob das daran läge, dass die Verbindung teilweise in Spanien sei oder ob es nur ein beschränktes Kontingent von ermäßigten Karte gebe. Der Beamte antwortete mir präzise, dass es keine ermäßigten Fahrkarte gebe, wobei er mir übel nahm, dass ich ihn dabei in seiner Unterhaltung mit seinem Kollegen unterbrach.

Ich ging aufs Ganze und riskierte zu fragen, wie viel die nicht ermäßigte Zugfahrt kostete. Der Beamte musterte meinen ganzen Oberkörper, schnaufte kurz und begann schließlich doch, an seinem Bildschirm herumzuklicken. Nach einiger Zeit nannte er 61,80 Euro als endgültigen Preis. Ich bedankte mich und ging, was wiederum mit einer gewissen Empörung zur Kenntnis genommen wurde. Schließlich hatte der Mitarbeiter nun etwa fünf Minuten für mich seine Maus hin- und herbewegt und ich hatte dennoch nichts gekauft.

Unter dem Eindruck dieser Erlebnisse verstehe ich vor allem nicht, warum die Franzosen so scharf auf Staatsbetriebe sind. So musste Sarkozy, der wahrscheinlichste Präsidentschaftskandidat der Rechten, versprechen, französische Versorgerunternehmen nicht noch weiter zu privatisieren, während die Linke mit dem Versprechen, die bisher verkauften Anteile (mittlerweile zum doppelten Kurs) wieder zurückzukaufen, punkten kann. Solange sich diese Ansichten nicht ändern, bleibt wohl nur die Hoffnung auf eine verbesserte Internetseite der französischen Bahn. Dann müsste ich auch keine Schalterbeamten mehr bei ihrer Arbeit stören.


Preis-Wert

Montag, 11. Dezember 2006

Während meines kurzen Abstechers in Regensburg verbrachte ich zwei Abende im neu eingerichteten Carlitos. Dort bietet man seit Neuem ästhetisch ansprechende Bier-Tower an, bei denen man zum maßvollen Preis von 10 Euro ganze 2,5 Liter serviert bekommt. Auch in Toulouse gibt es gelegentlich Bier im Großformat zum ermäßigten Preis. Für 10 Euro erhält man dort allerdings je nach Laune des Barkeepers zwischen 1,2 und 1,5 Liter Gerstensaft. Da stellt sich doch eine Frage: Wo geht das ganze Geld hin?

Die Grundstückspreise sind in Toulouse sicherlich höher als in Regensburg. Den doppelten Literpreis würde das allerdings nur rechtfertigen, wenn die Mieten in Toulouse doppelt so hoch wären wie in Regensburg und die Kosten für den Gastronomiebetrieb zu 100% aus der Miete bestehen. Beides trifft wohl nicht zu. Die Antwort findet man nicht auf der Angebots-, sondern auf der Nachfrageseite. Dort erwirbt der Franzose das Bier weniger mit dem Ziel der Alkoholisierung oder des Durstlöschens – wie in Bayern vereinzelt anzutreffen -, sondern eher um in einen Abend in einem bestimmten Ambiente zu verbringen. Dabei spielt der von Deutschen sorgsam kalkulierte Literpreis freilich eine geringere Rolle. Eine zweite Erklärung liegt in der positiven Nutzenkompenente eines höheren Preises, die in Frankreich eine größere Rolle spielt als in Deutschland. In einem Land mit größeren sozialen Unterschieden, in dem zudem seit Ludwig XIV der Erwerb von Anerkennung durch das Gesellschaftsleben eine tragende Rolle spielt, ist demzufolge einer weitaus größere Masse daran gelegen, die gewünschte Position in der Gesellschaft durch die höheren gezahlten Preise bestätigt zu wissen. Man zahlt also für einen Wert, der durch den Preis erst geschaffen wird.


Französische Katalanen

Montag, 4. Dezember 2006

Dass man in der spanischen Region Katalonien am liebsten so unabhängig wie möglich von Madrid sein will, ist bekannt. Doch wie sieht die Lage im dem Teil Kataloniens aus, der seit etwa 400 Jahren französisches Staatsgebiet ist? Eine Bildungsreise mit Erasmusstudenten bot Gelegenheit, die Situation sprachlicher Minderheiten in Frankreich näher zu beleuchten.

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So ist es korrekt. Europäische, französische und katalanische Flagge in Collioures.

In einem Strandort im Dezember Menschen anzutreffen, ist gar nicht so einfach. So mussten wir erst erfolglos einige der schmalen Gassen Collioures durchsuchen, ehe wir auf einem staubigen Platz ältere Menschen beim Boules-Spiel antrafen. „Parla catalá?“, fragte ich mehrfach, bis am anderen Ende des Platzes fündig wurde. Der Herr war gleichermaßen erfreut wie belustigt darüber, dass sich ein Ausländer für die Verbreitung dieser Sprache interessierte und erzählte mir, dass in diesem Ort wohl ein Viertel der Bevölkerung Katalanisch spreche. Erwartungsgemäß handle es sich hierbei vorwiegend um ältere Menschen. Da hier Katalanisch lediglich in gesprochener Form existierte, fügte er noch hinzu, dass es seiner Ansicht zufolge sehr schwierig sei, Katalanisch zu schreiben. Manche Ausdrücke, die ich verwendete, kannte er nicht, was wohl auf unterschiedliche Versionen der Sprache wie auch in Barcelona, Valencia und auf Mallorca (sprich: Maljorka) zurückzuführen ist.

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Wo man auch hingeht, ein paar Deutsche trifft man ja immer.

Damit war die Bildungsmission der Reise erfüllt und man ging zu entspannenden Tätigkeiten über. Dazu konnte man nach einer kleinen Feier in der Unterkunft tags darauf in Burgen auf den Spitzen der Pyrenäen Kraft tanken und in der wärmenden Dezembersonne den Thunfisch der italienischen Reiseteilnehmer konsumieren.

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Ausgelassene Stimmung auf der kleinen Feier in der Jugendherberge.

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Der weitere Verlauf des Abends war unscharf.

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Picknick mit Burg und T-Shirt


Auf Beutesuche in den Pyrenäen

Dienstag, 28. November 2006

Was gibt es Besseres für paarungsbereite Männchen als ein idyllisches Wochende im kleinen Kreis in den Pyrenäen? Durch die permanente körperliche Nähe wird man das auserkorene Weiblein schon zu einem kleinen Intermezzo überreden können. Die Rivalen fernhalten und dann im richtigen Moment zupacken – so einfach ist das Rezept. Doch wehe es sind Erwachsene dabei, die mit straffer Führung über Sitte und Moral wachen.

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Das Manöver will gut vorbereitet sein. Beobachtung der Konkurrenz gehört da zum Pflichtprogramm.

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Durch den Wissensvorsprung aus den Beobachtungen vom Vortag am nähesten am weiblichen Zielobjekt – jetzt heißt es Handeln, bevor andere tätig werden!

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Doch der Wind dreht sich. Höhere Führungsebenen haben ebenfalls Interesse und natürlich Vorrang. Doch auch das Middle-Management in Dunkelbeige erreicht das Projektziel nicht. Die Fusion ist politisch nicht gewollt und Schwarz-Rot interveniert erfolgreich.

Eigentlich sind solche tierischen Bedürfnisse ja für Auslandspraktikanten völlig abwegig. Wenn sich schon die Gelegenheit bietet, ein Wochenende in einer kleinen Hütte im französisch-spanischen Hochgebirge zu verbringen, muss man in erster Linie die Natur genießen. Dabei führt an leichten Wanderungen auch bei suboptimalen Witterungsverhältnissen kein Weg vorbei. Die Großstadt hinter sich lassen, dem netten Herrn auf seinem Weg folgen und sich dabei von ein paar Tropfen nicht stören lassen – wer so naturorientiert lebt, darf auch am Abend den Verhaltensmustern unserer vierbeinigen Freunde folgen.

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Wochenend und Sonnenschein – was brauchst du mehr zum glücklich Sein

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Ist und Soll im Vergleich (homöopathische Differenz: 380 Höhenmeter)
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Die Gebirgsformen im Hintergrund ließen unseren kolumbianischen Mitreisenden zu Metaphern greifen.

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Kaum ist das Herrchen mal weg, sollte man schnell zugreifen.


Randgruppen Teil 3/4: Die Lichtgestalten

Donnerstag, 23. November 2006

Die warme Sonne, die heute nach längerer Abwesenheit in Toulouse vom A380 auf uns herabschien, kann nicht es nicht vertuschen: Der Herbst ist da. Morgendlicher Nebel, Nieselwetter und kühlere Temperaturen in den letzten Tagen lassen ein Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit aufgekommen. Gerade zu Zeiten, wo Mitarbeiter eines großen Automobilzulieferers in Toulouse zum Streik genötigt werden, weil sie mit Lohnerhöhungen um 2% von den Aktionären des Mutterkonzerns regelrecht ausgebeutet werden, ist der Blick auf eine bestimmte Randgruppe in Toulouse nötiger denn je: die Lichtgestalten.

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Balsam auf das streikende SV-Herz in ungemütlichen Zeiten: Kerzen

Nur wo findet man die Lichtgestalten in Toulouse? Sie sind überall – man muss nur Augen und Herz offenhalten. Auf sympathischen Feiern, zu denen Airbus-Praktikanten einladen, kann man sie ebenso antreffen wie bei Gala-Abenden, die vom Landtag für Erasmusstudenten veranstaltet werden. Fühle die Wärme der Kerzen, absorbiere die positive Energie fernöstlicher Entspannungswellen und du wirst merken, Lichtgestalten sind immer unter uns.


Exkurs: Freudiger Empfang des Beaujolais Primeur

Freitag, 17. November 2006

Während politisch Interessierte gestern das Rennen um die Kandidatur der Sozialisten für den Präsidentschaftswahlkampf 2007 verfolgten, beging Frankreichs Jugend einen nunmehr traditionsreichen Ritus. Erst ab dem dritten Donnerstag im November darf reinen Gewissens einer der übelsten Tropfen der französischen Weinproduktion konsumiert werden: der Beaujolais Primeur. Der fruchtige Wein sorgt zwar für verstimmte Geschmacksnerven und überdurchschnittlich ausgeprägte Kopfschmerzen schon am Abend des Verzehrs; immerhin ist damit aber ein halbwegs legitimer Anlass zum öffentlichen Umtrunk gefunden.

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Der Kollege stolz mit der teuer erstandenen Flasche des edlen Tropfens

So findet man sich in Toulouse auf der zentralen Place St. Pierre ein und schunkelt sich in bester Oktoberfestmanier auf nicht abgesperrten Straßen durch den Abend. Begleitet von feiner Blasmusik fällt es leicht, mit fremden Menschen völlig ungezwungen ins Gespräch zu kommen. Zu den Klängen von „Griechischer Wein“ schwebt man lasziv auf der Straßenbeschilderung und ist sich dabei wohl der wahren Aussage des Liedes nicht bewusst. Man stelle sich nur vor, auf der Wiesn würde englisches Bier musikalisch angepriesen.

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Die gelungene Kommunikation mit der amerikanisch Gymnasialassistentin wird durch die bekannte Ackermann-Geste mit zwei der sechs Finger verdeutlicht.

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Zur Auflockerung fährt von Zeit zur Zeit ein Auto durch die Menschenmassen. Die Idee einer Straßenabsperrung erschien den Behörden wohl abwegig.

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Man erkennt es kaum, weil die Jacke die Sicht verdeckt: Die Parkplätze am Capitole waren bereits alle belegt.


Randgruppen Teil 2/4: Was machen eigentlich die Schwarzen in Toulouse?

Montag, 13. November 2006

Die Antwort ist recht einfach: Aufpassen. Ob an den Drehkreuzen der Metro, am Eingang französischer Discounter oder am Ausgang der Lidl-Filiale ums Eck – über die Sicherheit wacht nahezu ausnahmslos ein Farbiger. Werden in den Gratis-Tageszeitungen Stimmen aus der Bevölkerung zitiert, so lautet die Berufsbezeichnung von Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund in der Regel „responsable de la sécurité“ (Sicherheitsbeauftragter). Auf der anderen Seite habe ich in meinen ersten vier Wochen bei einem großen deutschen Automobilzulieferer noch keine farbigen Mitarbeiter erblickt.

Damit ergibt sich zwischen den Merkmalen „Hautfarbe“ und „Tätigkeit als Sicherheitsbeauftragter“ ein Chi-Quadrat-Koeffizient nahe eins, der wiederum auf einen starken Zusammenhang schließen lässt. Selbst bei Berücksichtigung von dritten Einflussvariablen drängt sich der Verdacht auf, Schwarze würden in nicht sicherheitsrelevanten Arbeitsfeldern sowie außerhalb der Fußballnationalmannschaft diskriminiert. Aus diesem Grund ist einem Bewerbungsschreiben in Frankreich ähnlich wie in den Vereinigten Staaten kein Foto beizufügen. Die Tatsache, dass man in den vorderen Reihen der politischen Parteien und Kommissionen (selbst im „conseil de l’intégration“), der Presse und der Unternehmen keinen einzigen Schwarzen findet, beschreibt man in Frankreich mit einem Informatikern vertrauten Wort: Die Schwarzen sind in Frankreich transparent. Man kann also durch sie hindurchsehen und leben, als ob sie nicht existierten.


Randgruppen in Toulouse – Teil 1/4: Les SDF – die Obdachlosen

Freitag, 10. November 2006

In der hiermit eröffneten vierteiligen Serie sollen einmal die Menschen in den Vordergrund gerückt werden, die sonst nicht im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen.

Verglichen mit deutschen Verhältnissen stellen die Sans-Domicile-Fixe in Toulouse eine verhältnismäßig große Gruppe dar. Anstelle von 350 Euro Hartz IV und einer Sozialwohnung gibt es in Frankreich bestenfalls einen Unterschlupf in einer dedizierten Herberge, die dann auch nur nachts ihre Tore geöffnet hat. So begegnen mir jeden Morgen und Abend in meiner in Bahnhofsnähe gelegenen Straße zahlreiche Menschen, die am Straßenrand um Kleingeld bitten. Öffne ich während des Abendessens das Fenster, kann ich teilweise hochemotionale Unterhaltungen kleiner Gruppierungen lauschen, die es sich vor der Lidlfiliale neben meinem Wohnheim mehr oder weniger bequem gemacht haben.

Dabei handelt es sich keineswegs immer um Menschen, die mit ihrem Gesellschaftsleben weitgehend abgeschlossen haben. So führt Arbeitslosigkeit und Verbindung mit der Wohnungsknappheit Zeitungsberichten zufolge des öfteren dazu, dass ganze Kleinfamilien zeitweise auf der Straße leben und lediglich die Nächte in den oben erwähnten Herbergen verbringen. Andere Obdachlose haben in idyllischer Lage auf der Insel in der Garonne ihre Zelte aufgeschlagen, die aber von Ordnungsmächten wieder geräumt wurden. Der ihnen daraufhin zugewiesene Zeltplatz 5 km nördlich des Stadtzentrums sagte ihnen jedoch nicht zu. Man habe das Recht darauf, im Stadtzentrum zu wohnen, heißt es von Seiten von Obdachlosenverbänden.

Im Vergleich zu deutschen Obdachlosen ist der französische SDF ausgesprochen freundlich. Er grüßt höflich, bevor er nach Kleingeld fragt, und fügt ohne Zynismus auf eine negative Antwort hin ein freundliches „Bonne journée quand même“ (trotzdem noch einen schönen Tag) hinzu. Soviel Kundenorientierung hat mich dazu bewogen, regelmäßig einen Teil meines Baguettes abzutreten. So ein ganzes Baguette, das aus Gründen der Frische innerhalb eines Tages konsumiert werden will, ist sowieso etwas zu viel für einen Auslandspraktikanten.

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Ein kurzer Blick aus dem Fenster


Nachtrag

Dienstag, 7. November 2006

Nach der positiven Resonanz auf die optische Wirkung unserer Fahrradausrüstung habe ich mich dazu entschlossen, zur weiteren Veranschaulichung noch folgendes Videomaterial zur Verfügung zu stellen. Es zeigt ein waghalsiges Überholmanöver.


Wochenend und Sonnenschein

Sonntag, 5. November 2006

An Wochenenden mit milden Temperaturen und strahlendem Sonnenschein soll man sich den Comedian Harmonists zufolge zu zweit in den Wald begeben. Die höchste Baumkonzentration kann man hier am Canal du Midi finden, so dass ich mich heute angesichts des günstigen Wetters mit Stefan zu einer Radtour an diesem über 300 Jahre alten künstlichen Gewässer aufmachte.

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Bestens ausgestattet gingen wir an den Start.

Wir liehen uns zum Preis einer Busfahrt auf die Bedürfnisse älterer Leute zugeschnitte Fahrräder aus und bewegten uns mit hoher Geschwindigkeit den Kanal entlang. Bei kurzen Duellen mit Rennradfahrern konnte durch den Kuhglocken-ähnlichen Klang unserer Klingeln zeitweise Respekt erzeugt werden, der sich in Anbetracht unseres hochfrequenten wie unergonomischen Tretens recht bald wieder auflöste. So blieb uns nichts anderes übrig, als unter der ökologischhistorischen Wucht jahrhundertealter Bäume sanft in die Natur einzutauchen und in der milden Novembersonne Vermutungen über die Wetterverhältnisse östlich des Rheins anzustellen. Fazit der Tour: extrem empfehlenswert.

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Kanalidylle


Hände waschen nicht vergessen

Samstag, 4. November 2006

Neulich habe ich bei einer Feier bei Privatleuten bereits zum dritten Mal ein WC ohne Waschbecken gesehen. Der Trend zum kleinen Zweitklo ist ja auch in Deutschland zu spüren; für ein Waschbecken sind dabei jedoch immer noch Mittel vorhanden. Die eigentliche Frage, die sich angesichts fehlender Waschgelegenheiten in französischen Zweitklos stellt, ist dann ja, warum das niemanden zu stören scheint – vor allem in Anbetracht der nicht selten anzutreffenden äußerst kleinformatigen und damit Geschicklichkeit erfordernden Kloblätterstapel, die anstelle einer Rolle Anwendung finden. Auf diese Hygienebedenken wirft auch der Hinweis auf den Toiletten eines großen deutschen Automobilzulieferers kein günstiges Licht, demzufolge vom Benutzen der Klobürste keine Gefahr ausgeht („L’utilisation de la brosse n’est pas dangereuse.“).

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Einsam auf weiter Flur – Topf sucht Becken.


Auf bekannten Pfaden

Freitag, 3. November 2006

Um den Anschluss ans Toulouser Gesellschaftsleben nicht zu verlieren, gingen wir am Donnerstag auf die Abschiedsfeier zweier deutscher Praktikantinnen. Als wir den Innenhof des Zielorts betraten, bemerkten wir, dass dieser dem Ort des Warm-Ups zur Halloween-Feier zwei Tage zuvor verdächtig ähnlich sah. Da wir uns an die genaue Wegfindung vom Dienstag nicht mehr erinnerten, halfen nur harte kriminaltechnische Methoden, um die Identität der Orte festzustellen. Was eignet sich da in Toulouse besser als ein Vergleich von Hundestuhlproben. Untenstehendes Foto beweist: Wir waren am gleichen Ort wie zwei Tage zuvor.

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Die Treppe vor dem Wohnungseingang am Tag der Halloweenfeier.

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Um zum Vergleich die Treppe vor der Wohnung der Feier am Donnerstag. Man bedenke, dass Franzosen in der Regel keine Hausschuhe tragen, wenn sie ihre Wohnung betreten.

Der Abend verlief im Wesentlichen unspektakulär. Ich eroberte durch die wiederholte Benutzung ausgefeilten Vulgärvokabulars rasch das Herz eines Italieners, der sogleich die Idee bekam, Stefan, den für meine hiesige Sozialisierung verantwortlichen Siemenspraktikanten, als Köder zu missbrauchen. „Mandiamo davanti il bello e dopo veniamo noi le bestie“, meinte er zielsicher. Eine adäquate Übersetzung dieser Aussage kann hier eingesehen werden, wobei ich angesichts des Ideenklaus bei diesem Gags abermals aufden Veteranen der gepflegten Intersatire hinweisen möchte. Mangels einer deutsch-italienischen Übersetzung muss der Text übrigens zunächst ins Englische übersetzt werden, um anschließend deutsch angezeigt zu werden.

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Positiver Anklang auf der Halloween-Feier

Mittwoch, 1. November 2006

Nachdem kürzlich Konkurrenzblogs Schreckliches zum Thema Halloween zeigten, war es an der Zeit nachzuziehen. Auch in Frankreich feiern junge Leute mittlerweile Halloween. Uns zog zu einer Feier, die von Airbus-Praktikanten veranstaltet wurde und dementsprechend international besetzt war. Der Abend war ein Erfolg auf der ganzen Linie. Zahlreiche junge Menschen reagierten offen auf meine Annäherungsversuche, was die untenstehenden Fotos eindrucksvoll belegen.

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Surprise à Montpellier

Sonntag, 29. Oktober 2006

Die Wettervorhersage für das Wochenende war günstig und die bisherige Arbeitsproduktivität im Praktikum derart hoch, dass ich Freitag der Arbeit fernblieb und nach Montpellier fuhr. Von Montpellier hatten schon viele Leute Positives berichtet, was aber nicht zwingend viel bedeuten muss, da man generell und vor allem bei Auslandsaufenthalten zur massiven Dissonanzreduktion neigt.

Erste Station in Montpellier war der Strand. Schließlich ist das gepflegte Sonnenbad am Mittelmeer teutonische Kernkompetenz. Bei 21 Grad Wassertemperatur plantschten Stefan (ein weiterer Siemens-Praktiktant) und ich verspielt unter der milden Oktobersonne und waren dabei auch ziemlich alleine. Als es allmählich dunkel wurde, brachen wir zu unserer Jugendherberge auf.

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Entspannte Stimmung in der milden Oktobersonne

Wir teilten uns unser 10-Bett-Zimmer unter anderem mit einem 38-jährigen Tunesier, der auf der Suche nach einem Lebensunterhalt Montpellier nach Arbeitsplätzen und finanzstarken Frauen abgraste. Auf seine Bitte hin lasen wir ihm einen Flyer zu einer Ü30-Party vor, den er auf der Straße gefunden hatte. Er war trotz seines ungepflegten Erscheinungsbilds und seiner sehr fortgeschrittenen Alkoholisierung zuversichtlich, auf dieser Feier die Herzen zahlungskräftiger Damen für gewinnen zu können.

Wir tranken einige Flaschen Wein und machten uns ins Nachtleben auf. Dazu sprachen einige der 60.000 Studenten in Montpellier an. Zwei Mädels nahmen uns mit in ein Tanzlokal, in dem bereits zu dieser frühen Stunde ausgelassen getanzt wurde. Wir ließen uns von der Stimmung mitreißen und verließen das Lokal erst nach ein Uhr, um zu unserer Jugendherberge zurückzukehren, die bereits um zwei Uhr ihre Tore schließen würde. Wir waren recht zufrieden mit dem Abend und insgeheim auch froh, durch die Sperrstunde mit gutem Gewissen schon so früh ins Bett gehen zu dürfen.

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Erste Kontakte im sympathischen Tanzlokal


Doch plötzlich rief ich „Sabine!“ und läutete damit den zweiten Teil des Abends ein. Sabine hatte ich im Chor des Mädchengymnasiums „Englische Fräulein“ kennengelernt, als ich dort einen Abend mit der Bratsche begleitete. Sie verbrachte ihr Erasmusjahr in Montpellier und war ebenso wie ich überrascht über unser zufälliges Aufeinandertreffen. Sie stellte uns eine Matratze in ihrer Wohnung in Aussicht, auf der wir später nächtigen könnten und nahm uns mit zu einem öffentlichen Beisamensein von Erasmusstudenten.

Praktischerweise gibt es in Frankreich kein Gesetz zur Begrenzung der Ladenöffnungszeiten, so dass wir uns in der Nähe der Gasse, in dem sich die Studenten versammelt hatten, in einem nahen Epicier zeitnah mit weiteren Getränken eindecken konnten. Ich führte einige weitgehend sinnfreie Unterhaltungen mit Chilenen und Preußen, bis gegen vier Uhr die Lage langsam unübersichtlich zu werden drohte. Die Meute verlagerte damit ihren Standort und setzte die Feier in Sabines Wohnung fort. Dort suchte ich trotz der andauernden Feierlichkeiten nach der versprochenen Matratze und verabschiedete mich damit nach einer Einschlafzeit im Millisekunden-Bereich von dem bunten Treiben, das noch bis halb acht Uhr morgens um mich herum andauerte.

Aus nachvollziehbaren Gründen waren unsere Vitalkräfte am nächsten Tag begrenzt. So suchten wir zunächst den botanischen Garten auf, in dem wir in einem unbeobachteten Bereich den kurzen Schlaf der Nacht noch etwas fortsetzten. Montpellier war eine andere Welt als Toulouse. In den ruhigen Gassen und Parks flanierten die Menschen bei sonnigem Wetter und genossen das Lebensgefühl, das die durchdachte Architektur der Stadt ganz automatisch erzeugte. Im botanischen Garten lag der Duft von Pinien und exotischen Pflanzen in der Luft, zu dem man Vögel zwitschern hörte, die in Toulouse innerhalb weniger Sekunden an einer Rauchvergiftung sterben würden. Ich bedauerte, dass Siemens VDO keinen Standort in Montpellier hatte und beschloss, die Matratze in Sabines Wohnung noch des Öfteren zu benützen. Montpellier steht damit auch auf der Liste der Tagesordnungspunkte von Leuten, die mich hier in Toulouse besuchen wollen, ganz weit oben.

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Katalanische Einflüsse in der Urbanistik


Durchbruch

Donnerstag, 26. Oktober 2006

Nachdem ich gestern mangels Themen hier schon zum Besuch in Toulouse aufgefordert hatte, begab ich mich gelangweilt in den Aufzug mit dem festen Vorsatz, acht Stunden zu schlafen. Im Aufzug traf ich einen Spanier an, mit deren Gruppe ich bereits vor anderthalb Wochen ausgegangen war. Er meinte, sie würden sich jetzt auf einem Zimmer noch aufwärmen und später auf eine Erasmusfete gehen.

Ich ging interessehalber mit und traf im Zimmer die übliche Runde ausländischer Wohnheimsalkoholiker an. Victor aus der französischen Schweiz meinte, man würde in Kürze zu der nicht allzu weit entfernten Disko aufbrechen. Es war bereits elf und ich musste am nächsten Tag ja arbeiten. Dennoch bin ich hier ja im Ausland, muss mich aus dem Mission-Statement des Aufenthalts heraus auch geringfügig danebenbenehmen und beschloss, der versammelten Mannschaft auf die Erasmusparty zu folgen.

Im Gegensatz zu letztem Samstag war ich dieses Mal noch artikulationsfähig und begann recht bald, mit maximaler Kontaktagression Erasmusstudenten anzusprechen. Im dritten unqualifizierten Kommunikationsversuch hatte ich schließlich Erfolg. Alexander aus Belgien stellte mich gleich seinen belgischen und mexikanischen Freunden und Freundinnen vor, die im weiteren Verlauf unkontrolliert in meinem Einzugsbereich herumtanzten. Außerdem verwies er mich auf ein weiter hinten stehendes Mädchen, das aus Katalonien kam.

Das war eine gute Gelegenheit, um mein Katalanisch wieder aufzufrischen. Die gute Dame war zunächst überrascht darüber, ihre Muttersprache zu hören, erkannte aber bald, dass ihre anfängliche Euphorie doch unbegründet war und ich über ein paar Lebensweisheiten nicht hinauskommen würde.

In der Zwischenzeit hatten sich ein paar Spanierinnen angenähert. Eine Dame erzählte mir, sie käme aus Asturien. Ich hatte im Juli Fremdenführer für zwei Mädchen aus Asturien gespielt und wusste deshalb, dass man dort die Verniedlichungsform nicht mit „ito/a“ sondern mit „ino/a“ bildet. Das war die Gelegenheit für einen intellektuell anspruchvollen Scherz. Ich fragte sie, ob „pagina“ (Seite) dann die asturianische Verniedlichungsform von „paja“ (Stroh, männliche Masturbation) sei. Sie verstand meine Gedankengänge nicht und macht sich in einem unaufmerksamen Moment meinerseits elegant aus dem Staub.

Es folgten noch Annäherungen an weitere französische und ausländische Studenten, bis ich um 1.30h das bunte Treiben verließ. Man kann diesen Abend im Nachhinein als Durchbruch meiner Zeit in Toulouse bezeichnen. Jetzt sind die Kontakte zu einem Teil der Erasmusstudenten geknüpft, auf denen man aufbauen kann. Einen anderen Teil hat man bereits erfolgreich verschreckt und wird damit zumindest in Erinnerung bleiben.

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Dezente Kennenlernversuche im Toulouser Nachtleben


Besuch

Mittwoch, 25. Oktober 2006

Es ist ja immer nützlich, Freunde irgendwo im Ausland zu haben. Man kann dann dort umsonst nächtigen und den Kühlschrank leerfuttern.

Das ist natürlich auch in Bezug auf Toulouse der Fall. Wenn jemand, der das hier liest und mich dazu noch kennt, bei mir vorbeikommen will, sei er herzlich eingeladen. Das muss auch gar nicht mal teuer sein. Mit der Lufthansa kann man bei rechtzeitigem Buchen (d.h. demnächst(!)) für 100 Euronen von München nach Toulouse und auch wieder zurück fliegen. Ich habe ein mildes mediteranes Klima in einer äußerst lebendigen Stadt sowie ein großes Bett anzubieten, das ich mir sogar auch mit männlichen Besuchern teilen würde (alternativ kann man natürlich auf dem Boden schlafen). Da ich Montag bis Freitag arbeite, bietet sich ein Wochenende an. Im Moment herrscht noch freie Auswahl abgesehen von 7.-10. Dezember und 24.-31. Dezember. Praktikumsende ist dann der 19. Januar. Das heißt insbesondere, dass ich die erste Woche im Januar, während der Studenten ja auch offiziell nicht arbeiten, hier bin. Vielleicht will da ja der eine oder andere dem deutschen Winter entfliehen.

So viel zur Eigenwerbung. Morgen gibt’s wieder was Richtiges.


Serata italiana

Dienstag, 24. Oktober 2006

Audrey, die Französin aus meiner Mailandzeit, lud mich heute zu einem italienischen Abend ein. Ich kam pünktlich um 19.30h in einem kleinen Café an. Der Kellner verwies mich an einen Tisch, an dem bereits vier Leute saßen. Das war gemessen an Uhrzeit und Kulturkreis bereits verdächtig viel. Tatsächlich kamen die Damen und Herren mittleren Alters aus Frankreich und Deutschland, waren aber am Austausch mit Italienern interessiert. In den folgenden Minuten gesellten sich weitere Franzosen sowie ein Italiener, der bereits seit 40 Jahren in Frankreich lebt, zu uns.

Eine der Französinnen, die neben Audrey noch zu uns stieß, hatte ebenfalls mit mir in Mailand studiert. Sie war mir als weder besonders sympathisch noch als hübsch in Erinnerung und so hatte ich wohl inzwischen auch schon verdrängt, dass sie ebenfalls aus Toulouse kam. Ich erinnerte mich dunkel, dass sie mir einmal ihre Handynummer gegeben hatte, die ich allerdings nie gespeichert hatte, weil ich ihren Namen jedes Mal aufs Neue wieder vergaß. Dieses Mal gab sie mir glücklicherweise ihre Nummer auf einem Zettel samt ihrem Namen, so dass mir umständliche Manöver zum versteckten Eingeben eines Alibinamens in mein Handy erspart blieben.

Alles in Allem war der Abend äußerst flau. Man war sich – wie eigentlich bei jedem Zusammentreffen mit Franzosen – darin einig, dass Sprachdidaktik nicht zu den Stärken der Franzosen gehört. Ähnlich spektakuläre Themen waren Rundreisen in Slowenien, Devisenaustausch in der Slowakei sowie Ratten als sizilianische Delikatesse.

Nach zwei Wochen lässt sich feststellen, dass es hier etwas schwieriger ist als Mailand, internationale Freunde zu finden. Die bisher hochkarätigste Chance zum Kennenlernen von Erasmusstudenten hatte sich bei einer Erasmusfeier am Samstag geboten. Infolge von zu intensivem TGV-Konsum waren aber anscheinend keine brauchbaren Unterhaltungen zustande gekommen. Mehr über den Durchbruch bei meiner hiesigen Sozialisierung gibt es hoffentlich demnächst von dieser Stelle.


Urbanes Leben

Montag, 23. Oktober 2006

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Wer in Toulouse ganz nah an der Natur von Mensch und Tier und den damit verbundenen Grundbedürfnissen sein will, hat’s nicht weit. Von cremig bis herzhaft, von bereits verdautem Material bis hin zu Ausschuss, der die strengen Qualitätskontrollen am Anfang des Verdauungstrakts nicht bestanden hat – für jeden Geschmack findet sich etwas, ohne dabei lange suchen zu müssen. Beim Joggen kann man unter Brücken in den olfaktorischen Genuss einer hohen Nitratkonzentration kommen oder auch Menschen beim Schlafen beobachten. In ungünstigen Fällen sogar gleichzeitig.

Auch in Bayern findet man ab und an mal einen Hundehaufen. Nur warum lässt der Franzose seinen Vierbeiner gar so routiniert auf den Gehweg kacken? Der Ursprung liegt wohl in der klugen Heiratspolitik Pariser Adelsgeschlechter im Mittelalter. Deswegen hat sich in den folgenden Jahrhunderten die Zentralgewalt in Paris weit stärker entwickelt als in Deutschland, wo der Kaiser sich genauso wie heute die Kanzlerin von den Landesfürsten auf der Nase herumtrampeln lassen musste. Die zentrale Macht in Paris hatte zwei gesellschaftliche Folgen. Autorität ist in Frankreichs Familien und Schulen ein weitaus präsenteres Konzept als diesseits des Rheins. Und während sich hierzulande eine breite gesellschaftstragende Mittelschicht herausgebildete, waren Auf- und Abstieg in Frankreich stark korreliert mit Gunst und Ungunst der Zentralgewalt. Da der Franzose also in stärkerem Maß als der Deutsche sein Handeln nach anwesenden Autoritäten ausrichtet und ein weniger subsidiares Gesellschaftsverständnis hat, macht er auch den Hundehaufen seltener weg und uriniertbefreiter ins Eck. Wenn da die Pariser Adelsgeschlechter mal gewusst hätten, wozu die ganze Anbandelei einmal führen würde.


Homöopathische Ansätze im Nachtleben

Freitag, 20. Oktober 2006

Normalerweise gibt es in Frankreich das Bier im handlichen 0,25l-Format. Was für den ungeübten Franzosen zur Erhaltung der Frische bis zum vollständigen Verzehr des Bieres notwendig ist, bringt für den gehobenen Bierconnaisseur eine ganze Reihe von Nachteilen mit sich:

– Höherer Bezugspreis
– Geringerer maximaler Ansaugunterdruck
– Niedrigere mittlere Trinkgeschwindigkeit durch fehlende Anreizstruktur eines warm werdenden Bieres
– Komplexere Beschaffungslogistik

Diese ohnehin schon problematische Lage wird durch niedrigen Alkoholgehalt im Bereich von 4,0 bis 4,4% unnötig verschärft. Damit stand mein Ziel der gestrigen Integrationsfeier im Wohnheim, den folgenden Tag mit der positiven Energie von noch deutlich spürbarem Restalkohol anzugehen, unter schwierigen Vorzeichen. Tatsächlich konnte dieser Zustand auch nach einer im Nachhinein nicht mehr quantifizierbaren Menge des bewährten Finkbräu einer bekannten deutschen Discounterkette nicht herbeigeführt werden. Der Alkoholisierungsgrad reichte ebenfalls nicht, um humoristische Bemühungen meiner französischsprachigen Mitbewohner nachvollziehen zu können, die drei verschiedene Techniken des Graben von Tunnels durch Zwerge untersuchten und dies auf untenstehendem Foto auch durch Handzeichen zu verdeutlichen versuchen.

Vielleicht sollte man für die Zeit in Toulouse doch auf bekannte Getränke aus vergangenen Erasmuszeiten zurückgreifen. Mehr über die Verfügbarkeit von TGVs im Toulouser Nachtleben gibt es deshalb demnächst von dieser Seite.

Drei Zwerge graben einen Tunnel. Der erste mit der Hacke, des zweite mit der Schaufel und der dritte mit seinem Kopf.

Drei Zwerge graben einen Tunnel. Der erste mit einer Hacke, der zweite mit einer Schaufel, der dritte mit seinem Kopf.


Praktikum – Tag 1

Montag, 16. Oktober 2006

Nachdem ich mit den bisherigen Postings der Realität drei Täge hinterherschrieb, boten die verhältnismäßig ereignislosen Tage des Wochenendes nun die Gelegenheit, zur Gegenwart aufzuschließen. Haupthandlungsfelder für Freitag bis Sonntag waren:

– Reinigung und mehrtätiges Auslüften der Wohnung einschließlich der Entsorgung einer nicht unerheblichen Menge an Körperbehaarung, die relativ gleichverteilt in meinem Zimmer zu finden war
– Eröffnen eines Bankkontos, das etwa 75 Minuten in Anspruch nahm („Straight through processing“ gibt’s ja bisher nur am ibi in Regensburg)
– Sozialisierungen mit Deutschen und Spaniern einschließlich Alkoholmissbrauch und Nachtleben
– Einrichten der völlig leeren Wohnung, aus der mein Vorgänger sogar die selbst erworbenen Vorhänge im Zuge seines Umzugs mittransportierte

Nachdem ich damit die wesentlichen Erfahrungen eines Auslandspraktikums in Hinblick auf Belastbarkeit, Selbständigkeit und Kommunikationsfähigkeit schon gemacht hatte, konnte heute mein Praktikum beginnen. Darüber darf man ja eigentlich gar nichts schreiben, weil das, was ich mache, extrem geheim ist. Genauer gesagt soll ich die Gesaltung des Intranets einer Abteilung innerhalb der Siemens Group beleuchten. Mehr kann man aber echt nicht sagen.

Viel interessanter ist ja das ganze Arbeitsumfeld. Als Deutscher plant man ja und bereitet sich deswegen auch vor. So las ich mir am Sonntag einen wissenschaftlichen Text über die Unterschiede zwischen deutscher und französischer Arbeitskultur durch.

Die Franzosen kommunizieren demzufolge implizit, handeln personenbezogen, arbeiten simultan an vielen verschiedenen Sachen, trennen Privat- und Berufsleben nicht und arbeiten mit externalisierten Autoritäten auf Dissensbasis. Das liegt daran, dass Frankreich schon immer zentralistisch regiert wurde, dass Einschleimen am Königshof Grundvoraussetzung für beruflichten Erfolg war und dass der Protestantismus in Frankreich nie richtig Fuß fasste. Dagegen trampeln die Deutschen mit ihrer direkten Art den einfühlsamen Franzosen mit expliziten Fakten, aufgabenbasierter Arbeitsweise und Sachorientierung regelrecht nieder. Als ob man das nicht eh schon geahnt hätte.

Mit so viel internationaler Handlungskompetenz und Sendungsbewusstsein sah ich heute meinem ersten Arbeitstag entgegen. Dabei treffen die zitierten Klischees auf mein Praktikumsumfeld nicht zu, weil Siemens ja zum einen ein deutsches Unternehmen ist, was auch Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation in Frankreich hat und zum zweiten die Mitarbeiter in einer IT-Abteilung vielleicht grundsätzlich schon sachlicher an eine Aufgabe herangehen, als das in anderen Bereichen der Fall ist. So war der erste Tag heute absolut positiv zu beurteilen. Die Mitarbeiter in meinem Umfeld sind alle fähig, motiviert, können Sachen auf den Punkt bringen und lachen teilweise sogar über meine Späße. Die Aufgabenstellung meines Praktikums bringt relativ viel Eigenverantwortung mit sich, so dass ich wohl recht wenig typische Praktikantentätigkeiten erledigen werden muss. Außerdem schmeckt das Essen in der Kantine außerordentlich gut und die in Frankreich ausgeprägte Mitarbeiterorientierung bringt auch Annehmlichkeiten wie kostenloses Ausleihen von Filmen oder Sportangeboten mit sich.

Note:
Falls einer der mitlesenden Siemens-Mitarbeiter der Auffassung ist, dass ich hier schon in unzulässiger Weise Interna preisgegeben hätte, möge man das mir bitte mitteilen.


Der Himmel lichtet sich

Samstag, 14. Oktober 2006

Passend zur Stimmung prasselte der Regen die ganze Nacht hindurch auf das Dachfenster meines Zimmers. Beim Frühstück mit Madame, bei dem ich aus Gründen des Anstands meine noch feuchte Hose anzog, deutete sie an, dass ich meine Erwartungen so langsam nach unten schreiben sollte. Sie erzählte mir, dass sie Mitglied in einer Organisation sei, bei der Studenten und Praktikanten ein Platz in der Wohnung älterer Leute vermittelt wurde. Das sei nicht teuer und es würde sich auch schnell ein Zimmer für mich finden. Ich versuchte, ein nicht zu niedriges und nicht zu hohes Maß an Begeisterung vorzutäuschen und rief die Chefin der Organisation an. Für den Fall, dass Madame mich nicht mehr bei sich haben wollte, sollte die Organisation ein recht zuverlässiger und günstiger Zufluchtsort sein.

Gegen halb zehn war dann auch meine Hose halbwegs trocken, so dass ich mich auf den Weg zu den am Vortag positiv beurteilten Anzeigen im CRIJ machte. Dort warteten bereits etwa 15 weitere Jugendliche vor verschlossenen Türen, die anschließend mit mir zu Wohnungsannoncen stürmten. Das erinnerte mich etwas an die Videos, die man im Internet gelegentlich von der mit Sonderangeboten garnierten Eröffnung von Media Märkten in Polen sehen kann. Es gab wieder zahlreiche neue Anzeigen. Während die Franzosen fleißig Nummern und Beschreibungen in ihren Blöcken notierten, rief ich die Leute direkt mit dem Handy an. Von den vier Anzeigen, die ich mir zusagten, war allerdings niemand erreichbar. Das war jetzt auch nicht schlechter als erwartet. Zumindest hatte ich dort nun als erster angerufen.

Eine Dame am Empfang verwies dann auf einen Ordner, in der Angebote speziell für jugendliche Arbeiter und Praktikanten zu finden waren. Das bisher schwerwiegendste Problem, dass ich nur drei Monate in Toulouse verbringen würde, sollte dort kaum ins Gewicht fallen, weil eine kurze Aufenthaltsdauer bei Praktikanten ja ganz normal ist. Ich stieß auf eine Liste mit Wohnheimen für Praktikanten, die sich auf Französisch „foyer“ (Empfangshalle) nennen. Eines der aufgelisteten Foyers lag ganz nett im Stadtzentrum. Ich rief an und man bat mich, direkt vorbeizukommen.

In der Mitte einer kleinen ruhigen aber dennoch zentralen Gasse befand sich die Résidence des Jeunes Travailleurs inmitten rötlichen alten Gebäuden. Das Nieseln des Morgens war mittlerweile einem strahlenden Sonnenschein gewichen, der das Viertel in eine idyllische Altstadtlandschaft tauchte. Im Hof begrüßte mich eine Dame, überreichte mir ein Blatt mit Informationen über die Herberge und einen Antrag, den ich bei Gefallen unterschreiben sollte. Man hatte hier Zimmer mit etwa 12 m² und große Gemeinschaftsbereiche, in denen man auch mit Laptop ins Internet gehen konnte. In den 450 € waren Frühstück und sechs Abendessen im Monat inbegriffen. Das einzige aber umso bedeutsamere Problem bei dieser Herberge war, dass keine Plätze frei waren. Die Angestellte meinte, dass hier relativ regelmäßig Leute die Herberge verlassen würden, so dass wahrscheinlich in etwa zwei Wochen bei meinem jetztigen Listenplatz für mich etwas freiwerden würde.

Das war die erste wirklich positive Erfahrung bei der Suche nach einer festen Wohnung. Die zwei Wochen bis zum Freiwerden eines Platzes könnte ich vielleicht bei einer der alten Damen der Organisation meiner derzeitigen Vermieterin verbringen. Auf diese Weise würde ich zunächst etwas Alltagsleben mitbekommen und mit anschließend in der Herberge weiter sozialisieren.

So positiv gestimmt, gönnte ich mir zum ersten Mal in Toulouse eine Mittagsmahlzeit. Ich machte mir in meiner vorübergehenden Wohnung ein Baguette und erzählte Madame von den Neuigkeiten. Sie war spürbar erfreut, dass sie nicht weiter auf das Senken meiner Anforderung an eine Wohnung hinwirken musste.

In der Zwischenzeit hatte einer der Menschen, die ich am Morgen zu erreichen versucht hatte, zurückgerufen. Er hatte mir einen Platz in einem Wohnheim anzubieten, für den ich 490 € zahlen müsste. Das klang auch nicht schlecht und so versprach ich, um 18:30 Uhr bei ihm vorbeizusehen.

Als ich vor seiner Unterkunft ankam, bemerkte ich, dass ich die falsche Hausnummer notiert hatte. Daher war mir auch nicht aufgefallen, dass sein Wohnheim tags zuvor die Nummer eins meines Ratings belegt hatte. Pech und Glück wechseln sich wohl oft nicht ab, sondern treten schubweise am Stück auf. Redouane empfing mich am Eingang der Herberge und zeigte mir die Räumlichkeiten. In seinem Zimmer roch es recht intensiv nach Rauch und den Essensresten, die wohl schon einige Zeit in seiner Küchenecke herumlagen. Aber ich musste ja nicht mit ihm zusammenleben, sondern würde sein Zimmer beziehen. Die Gemeinschaftseinrichtungen waren eher schmal gefasst. Doch gab es immerhin Internetanschlüsse in einem Gemeinschaftsraum und Waschmaschinen. Redouane meinte, ich könnte das Zimmer bereits am nächsten Tag beziehen. Ich trauerte kurz dem ruhigen Foyer vom Nachmittag nach und sagte anschließend Redouane zu, dass ich das Zimmer morgen beziehen würde.

In dieser Nacht schlief ich so beruhigt wie schon seit langem nicht mehr. Am nächsten Tag, dem Freitag, würde ich noch rechtzeitig vor Beginn des Praktikums alle nötigen Behördengänge hinter mich bringen können.


Wohnungssuche Tag zwei – jetzt kann’s nur noch aufwärts gehen

Samstag, 14. Oktober 2006

Für diesen Tag hatte ich Großes vor. Wenn man den ganzen Tag intensiv suchen würde, sollte man schon eine annehmbare Wohnung finden, sagte ich mir. Beim Frühstück räumte die Dame, in deren Haus ich die Nacht verbracht hatte, ein, dass es ihr nun doch nicht recht sei, wenn ich dauerhaft bei ihr wohnen würde. So musste ich nun immerhin keine Vorwände erfinden, warum mir ihre Wohnung nicht gefiel, und konnte mit den Tipps, die sie mir im Anschluss gab, reinen Gewissens mit der Wohnungssuche beginnen.

Mein erster Anlaufpunkt war das Internetcafé vom Vortag. Zwar war es nun um acht Uhr morgens noch nicht geöffnet, an der Verfügbarkeit des WLAN änderte das allerdings nichts. Ich setzte mich auf die Eingangsstufen, nahm mein Laptop und durchsuchte einige Seiten nach Wohnungsanzeigen. Da Anrufe bei den meisten Anzeigen nur abends erwünscht waren, beschloss ich, mich für den Morgen auf Studentenwohnheime zu fokussieren.

Inzwischen kam ein Angestellter des Cafés vorbei und fragte mich, ob ich ins Internet gehen wolle. Ich bejahte wahrheitsgemäß und schlich mich ums Eck, wo er mich nicht mehr sehen konnte, das WLAN aber immer noch gut genug war.

Unter den zahlreichen Studentenwohnheimen suchte ich diejenigen mit halbwegs zentraler Lage heraus und rief die angegebenen Nummern an. Die meisten Wohnheime waren erwartungsgemäß ausgebucht. Nur zwei hätten noch freie Zimmer. Aufgrund meiner geringen Verweildauer in Toulouse von nur gut drei Monaten sollte ich allerdings einen Tagestarif von etwa 30 Euro zahlen. Auf den Monat hochgerechnet ist das eine ziemliche Unverschämtheit. In einem Wohnheim konnte man mir auch einen Platz auf Monatsbasis anbieten. Dort sollte ich mit meinen Eltern erscheinen, die eine Verdienstbestätigung sowie die Kontoauszüge der letzten Monate mitbrächten. Auch das erschien mir nicht die wirtschaftlichste Lösung.

Das Thema Studentenwohnheim war damit abgehakt und ich konnte nun den Tipps meiner Vermieterin der letzten Nacht nachgehen. CROUS und CRIJ sind jeweils gemeinnützige Organisationen, die Studenten bzw. Jugendliche grundlegenden Problemlagen wie der meinen unterstützen. Vor allem in letzterem fand ich jede Menge guter Wohnungsanzeigen, bei denen ich allerdings entweder zu spät kam und sich die Eigentümer nicht bereit erklärten, mich für nur drei Monate zu beherbergen. Immerhin gab es eine Tafel mit den Anzeigen des Tages, die nach Auskunft der Dame am Schalter jeden Morgen um zehn aktualisiert würden. Im Anschluss ging ich an die Wirtschaftsuniversität, wo man mir einen Ordner mit Anzeigen gab. Ich notierte fleißig Telefonnummern von zumutbaren Angeboten.

Mittlerweile war es Abend und damit konnte ich die zahlreichen Anzeigen abtelefonieren, die ich im Tagesverlauf gesammelt hatte. Zwei Wohnungen waren noch nicht vergeben und ich könnte sie am gleichen Abend besichtigen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon recht erschöpft. Ich war den ganzen Tag mit meinem Laptop durch die Stadt gerannt und die vielen Absagen, die ich im bis dahin bekommen hatten, wirkten auch nicht unbedingt aufbauend. Ich ging die Treppe der Metro hinab, um zur ersten Wohnungsbesichtigung zu fahren.

Während ich auf den Zug wartete, rief hinter mir ein Mädchen „Olivier! Olivier!“. Ich sah mich um. Am Aussehen konnte ich nicht sofort erkennen, wer da vor mir stand. Es konnte sich aber eigentlich nur um Audrey handeln. Audrey hatte wie ich in Mailand ein Erasmusjahr verbracht und kam aus Toulouse. Ich hatte sie zuvor nicht kontaktiert, weil sie in meiner Erinnerung nach in Paris studierte. Außerdem hatte ich sie nur wenige Male gesehen, weswegen mir ihr Gesicht auch kaum Erinnerung geblieben war. Das skurrile an dieser Situation war, dass mich Audrey bereits während meines ersten Besuchs in Mailand nach der Erasmuszeit in der Jugendherberge erkannt hatte. Wahrscheinlich wird mich die Dame noch öfter in meinem Leben verfolgen. Sie erklärte mir, dass sie mit ihrem Studium bereits fertig sei und nun in Toulouse für Motorola arbeite. Audrey hatte leider auch keine Wohngelegenheit für mich, wir wollten uns aber in den nächsten Tagen einmal treffen.

Als ich bei der Metrohaltestelle in der Nähe der zu inspizierenden Wohnung ankam, bemerkte ich, dass ich mitten in einen Wolkenbruch geraten war. Da ich eine Dreiviertelstunde später schon bei der nächsten Wohnung sein wollte, schob ich Bedenken bezüglich des Laptops in meinem Rucksack beiseite und rannte durch den Regen. Immerhin fand ich die Wohnung auf direktem Weg und kam völlig durchnässt an.

Am Eingang der Wohnung im dritten Stock roch es bereits recht merkwürdig. Die beiden Bewohner hielten sich im Eingang einige Mäuse in Käfigen, die sie anscheinend nicht allzu häufig reinigten. Einer der Bewohner zeigte mir mein Zimmer, das von dem penetranten Geruch der Mäusepisse etwas entfernt war. In dem Zimmer befand sich eine Matratze auf dem Boden sowie ein Schrank. Sylvan erklärte mir, dass sie einen Mitbewohner suchten, der zumindest bis Juni blieben sollte. Seine träge und emotionslose Art deutete auf langjährigen Marihuanamissbrauch hin, dessen Geruch hier in der Wohnung vermutlich in dem der Mäuseexkremente unterging. Manchmal ist es unfassbar, unter welchen Bedingungen Menschen leben können. Da erschien mir selbst der Komfort im panamaischen Urwald noch höher. Für diese Wohnung war ich nun zehn Minuten durch den Regen gelaufen und hatte zudem die Pünktlichkeit bei der nächsten Wohnungsbesichtigung aufs Spiel gesetzt.

Ich rannte zurück zur Metrohaltestelle durch den immer noch anhaltenden Regen. Positiv an den soeben gemachten Erfahrungen war, dass es ab jetzt nur noch aufwärts gehen konnte. In der Metro wies mich ein kleiner Junge darauf hin, dass mein Rucksack offen war. Glücklicherweise war dies wohl erst seit dem Betreten der Metro so und der Laptop damit noch trocken. Ein anderes Mädchen bot mir Tempos an. Der Gesamteindruck, den ich mit meinen klitschnassen Klamotten mit nahezu volltransparentem T-Shirt hinterließ, war zugegebenermaßen suboptimal.

Die nächste Wohnung war näher am Zentrum gelegen und die Dame am Telefon klang auch wesentlich vertrauenserweckender. Ich kam dort mit einer in Frankreich unwesentlichen Verspätung an und rief die Vermieterin nochmals an, damit sie mir die Tür öffnete. Sie meinte, ich sollte hineinkommen, was aber an dem verschlossenen Zustand der Tür nichts änderte. Ich kontrollierte nochmals Straße und Hausnummer und rief erneut an. Die Dame meinte, ich solle einfach hineinkommen. Ein kurzer Blick nach rechts klärte die Situation. Die benachbarte Immobilienagentur hatte dieselbe Hausnummer und die Dame am Schalter hatte soeben mit mir telefoniert. Für Provisionen von Immobilienagenturen war in meinem Budget bei einem dreimonatigen Aufenthalt bestimmt kein Platz und so trat ich die Reise zu der Dame, bei der ich schon die Nacht zuvor verbracht hatte an.

An diesem Mittwoch Abend war ich mit der Gesamtsituation unzufrieden. Ich hatte immer noch den penetranten Gestank der Mäuse in Nase und keine trockene Hose mehr, weil ich fast mein ganzes Gepäck im Bahnhof abgegeben hatte. Außerdem müsste ich bis zum Praktikumsbeginn am Montag noch eine Wohnung finden, einen Mietvertrag abschließen, umziehen, ein Bankkonto eröffnen, das Studententicket für den Nahverkehr und einen Zuschuss für die Wohnung beantragen sowie mich um eine Aufenthaltsgenehmigung kümmern. Voilà.


On est complet – auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf

Freitag, 13. Oktober 2006

Mein erstes Ziel in Toulouse war die dortige Jugendherberge. Ich hatte es nicht für nötig gehalten, vorab zu reservieren, weil ich an einem Dienstag im Oktober keinen großen Touristenandrang in Toulouse erwartet hatte und man zudem per Fax hätte reservieren müssen. Ich quälte mich mit meinem Gepäck den Berg zur Jugendherberge hinauf und betrat schweißüberströmt den Empfang.

Man sah mich erstaunt an und teilte mir nach einer kurzen Schrecksekunde mit, dass die Herberge für die gesamte Woche ausgebucht sei. Auch in dem Hotel auf der anderen Straßenseite waren bereits alle Betten ausgebucht. Man schickte mich ins Office de Tourisme, wo man mir lediglich ein Zimmer in einem Hotel 10 km außerhalb der Stadt anbieten konnte. Das war weder als Startpunkt für die Wohnungssuche noch in Hinblick auf ein studentisches Budget vertretbar. Der Grund für den kurzfristigen Engpass sei ein Festival in dieser Woche gewesen.

Ich malte mir kurz aus, die Nacht auf Erasmusfeten zu verbringen und tagsüber im Park zu schlafen, redete mir dann aber ein, für solche Heldentaten schon zu alt zu sein. Außerdem muss man bei der Wohnungssuche ja einen seriösen Eindruck machen. Glücklicherweise hatte ich über Sebastian im Vorfeld Kai kennen gelernt, der letztes Jahr ein Praktikum in Toulouse gemacht hatte. Ich rief seine damalige Vermieterin an, die mich wiederum an die HR-Abteilung von Siemens weiterleitete. Die Dame am Telefon bat mich um meine Emailadresse, um mir eine Liste mit möglichen Anlaufpunkten zu schicken.

Während ich bei der französischen Telekom einen Handyvertrag abschloss, fiel mir auf, dass ich der Dame von Siemens eine falsche Emailadresse gegeben hatte. Da das französische Buchstabieren einen Großteil meiner Denkkapazität beansprucht hatte, hatte ich den vorderen Teil meiner stud-Adresse mit dem hinteren Teil meiner GMX-Adresse kombiniert. Ich rief die Dame – dieses Mal mit meinem Handy – erneut an und gestand, ihr eine falsche Emailadresse gegeben zu haben. Dabei kam ich mir vor wie Whoopy Goldberg in „Ghost“, die bei der Eröffnung eines Kontos nach einem neuen Formular bittet, weil sie mit dem falschen Namen unterschrieben habe.

Ich suchte ein Internetcafé (auf Französisch sogar „Cybercafé“) und ließ mir die Liste mit Kontaktdaten kooperativer Wohnungseigentümer ausdrucken. Zwar hatte man dort keine freien PCs, man erlaubte mir aber meinen eigenen Laptop zu benutzen und ich ging über eine von mehreren ungesicherten WLAN-Verbindungen ins Internet.

Jetzt konnte die Suche beginnen. Ich erkundigte mich nach gefährlichen Vierteln, lokalisierte die verschiedenen Angebote auf einer Karte und bewertete sie. Die ersten Anrufe bei potenziellen Vermietern waren recht enttäuschend. Entweder hatte man schon alle Betten vergeben oder man wollte mich nur auf der Basis täglicher Zahlungen im Bereich von 35€ beherbergen. Das hätte immerhin einer vierstelligen Monatsmiete entsprochen und das in einem Land, in dem Praktikanten normalerweise keine Vergütung erhalten.

Lediglich ein Angebot schien erschwinglich zu sein. Eine ältere Dame bot an, mich für 310 € im Monat bei sich wohnen zu lassen. Als ich bei ihr ankam, war es bereits acht Uhr und damit boten sich für den Rest des Tages keine großen Handlungsfelder mehr. Das Zimmer war okay und meine potenziellen Mitbewohner, zwei 18-jährige Studenten im ersten Semester, schienen auch ganz sympathisch zu sein. Dennoch hatte diese Lösung eine ganze Reihe von Nachteilen: Ich dürfte in der Küche anstelle der Kochplatten nur die Mikrowelle nutzen – und das auch nur zu bestimmten Zeiten. Internet gab es keines, Besuch war weder aus Deutschland noch aus meinem hiesigen Lebensumfeld erlaubt und die Dame erschien mir auch recht spießig. Kurz, alles was man sich so unter einem spaßigen Mini-Erasmusaufenthalt vorstellt, würde hier dem gepflegten Umgang mit der gut situierten Madame zum Opfer fallen. Ich bekundete dezent Interesse an der Wohnung, um zumindest diese Nacht hier verbringen zu können. Sie meinte, ich könne auch für 16 € nur eine Nacht hier verbringen. Das war das beste Angebot des gesamten Tages und so ging ich erschöpft und erleichtert ins Bett. Am nächsten Tag würde sich schon etwas finden lassen.


Anreise – l’aventure commence

Donnerstag, 12. Oktober 2006

In Toulouse leben 70.000 Studenten, die größtenteils ab September alle zumutbaren und auch den Großteil der unzumutbaren Wohnungen besetzen, so dass im Oktober nicht mehr viel zu holen ist. Mit diesem unangenehmen Gedanken im Hinterkopf stieg ich am Montag in meinen Nachtzug ein, der mich von München nach Paris bringen sollte.

 

Im Nachtzug trifft man ja oft ganz lustige Gestalten. Ich hatte dieses Mal den letzten Platz aus dem Sparnight-Kontingent in einem Viererabteil ergattert, in dem ich nur eine ältere, französische Dame vorfand, die mir beim Versuch, ihre Sachen am Boden zu verstauen, ihr Gesäß entgegenstreckte. Sie warnte mich vor, dass sie generell schnarche. Zwar habe sie Spezialkissen dabei, könne aber dennoch nicht ausschließen, dass es im Verlaufe der Nacht etwas lauter würde. Als mich dann der Schaffner aufklärte, dass wir die Nacht in dem Abteil lediglich zu zweit verbringen würde, war klar, dass diese Zugfahrt als Distraktionsquelle flachfällt. Immerhin bot mir die Dame an, mich in Paris im Taxi kostenlos mitzunehmen. Ich musste in Paris zu einem anderen Bahnhof fahren und das wäre mit den etwa 50 kg Gepäck, die ich mit mir trug zumindest umständlich gewesen. Bei dämmrigem Licht erzählte mir Marie-Claude, dass sie in Starnberg ältere Menschen, mit denen sie befreundet war, gepflegt habe. Diese Leute seien zwar Österreicher, dürften aber seit den 60er Jahren in mehr ins Land einreisen. Ich stellte einige Vermutungen an, versuchte dann aber, möglichst früh einzuschlafen, um dem Schnarchkonzert zuvorzukommen und überstand die Nacht mit einer gesunden Portion Schlaf.

 

Als wir im nächsten Tag ins Taxi einstiegen, lüftete die ältere Dame das Geheimnis um ihre österreichischen Bekannten. Der ältere Herr jenseits der 90, der trotz seines Alters von Zeit zu Zeit reiselustig die Welt erkundet, sei der letzte österreichische Kaiser gewesen, der wohl nur kurz an der Macht gewesen sei, was zudem auch schon einige Jahre her war. Als sie das Wort „Habsburger“ aussprach, wurde sie leise, damit der Taxifahrer die besondere Brisanz seiner Fahrgäste nicht erahnen konnte. Nun steht das ganze im Internet. Da kann es auch der Taxifahrer nachlesen und dementsprechend agieren.

 

In Montparnasse suchte ich nun meinen TGV. Die französische Bahn hat ähnlich wie viele Billigflieger ein progressives Preissystem, das frühes Buchen unter Ausschluss von Umtauschrechten belohnt. So hatte ich mir für 32 € einen Platz in der 1. Klasse gesichert, auf dem ich in gut fünf Stunden in das 680 km entfernte Toulouse gebracht würde. Nach einigen Metern, die ich am Bahnsteig neben dem Zug entlang ging, kam ich zu den Feststellung, dass man den „Train à grande vitesse“ besser in einen „Train de grande longueur“ umbenennen sollte. Ich schleppte mein schweres Gepäck einige hundert Meter weit, bis ich hinter Wag Nr. 10 meinen Wagen Nr. 11 zu finden hoffte. Ungünstigerweise kam nach Wagen Nr. 10 Wagen Nr. 20, von dem ab schrittweise bis 11 hinuntergezählt wurde. Nachdem ich an der Spitze des Zuges wohl einen beträchtlichen Teil der Strecke Paris-Toulouse zu Fuß zurückgelegt hatte, setzte ich mich durchgeschwitzt auf den breiten Sitz und harrte der Dinge, die da kämen.

 

 

Der TGV ganz leer - will wohl niemand nach Toulouse

Der TGV ganz leer – will wohl niemand nach Toulouse?