Surprise à Montpellier

Sonntag, 29. Oktober 2006

Die Wettervorhersage für das Wochenende war günstig und die bisherige Arbeitsproduktivität im Praktikum derart hoch, dass ich Freitag der Arbeit fernblieb und nach Montpellier fuhr. Von Montpellier hatten schon viele Leute Positives berichtet, was aber nicht zwingend viel bedeuten muss, da man generell und vor allem bei Auslandsaufenthalten zur massiven Dissonanzreduktion neigt.

Erste Station in Montpellier war der Strand. Schließlich ist das gepflegte Sonnenbad am Mittelmeer teutonische Kernkompetenz. Bei 21 Grad Wassertemperatur plantschten Stefan (ein weiterer Siemens-Praktiktant) und ich verspielt unter der milden Oktobersonne und waren dabei auch ziemlich alleine. Als es allmählich dunkel wurde, brachen wir zu unserer Jugendherberge auf.

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Entspannte Stimmung in der milden Oktobersonne

Wir teilten uns unser 10-Bett-Zimmer unter anderem mit einem 38-jährigen Tunesier, der auf der Suche nach einem Lebensunterhalt Montpellier nach Arbeitsplätzen und finanzstarken Frauen abgraste. Auf seine Bitte hin lasen wir ihm einen Flyer zu einer Ü30-Party vor, den er auf der Straße gefunden hatte. Er war trotz seines ungepflegten Erscheinungsbilds und seiner sehr fortgeschrittenen Alkoholisierung zuversichtlich, auf dieser Feier die Herzen zahlungskräftiger Damen für gewinnen zu können.

Wir tranken einige Flaschen Wein und machten uns ins Nachtleben auf. Dazu sprachen einige der 60.000 Studenten in Montpellier an. Zwei Mädels nahmen uns mit in ein Tanzlokal, in dem bereits zu dieser frühen Stunde ausgelassen getanzt wurde. Wir ließen uns von der Stimmung mitreißen und verließen das Lokal erst nach ein Uhr, um zu unserer Jugendherberge zurückzukehren, die bereits um zwei Uhr ihre Tore schließen würde. Wir waren recht zufrieden mit dem Abend und insgeheim auch froh, durch die Sperrstunde mit gutem Gewissen schon so früh ins Bett gehen zu dürfen.

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Erste Kontakte im sympathischen Tanzlokal


Doch plötzlich rief ich „Sabine!“ und läutete damit den zweiten Teil des Abends ein. Sabine hatte ich im Chor des Mädchengymnasiums „Englische Fräulein“ kennengelernt, als ich dort einen Abend mit der Bratsche begleitete. Sie verbrachte ihr Erasmusjahr in Montpellier und war ebenso wie ich überrascht über unser zufälliges Aufeinandertreffen. Sie stellte uns eine Matratze in ihrer Wohnung in Aussicht, auf der wir später nächtigen könnten und nahm uns mit zu einem öffentlichen Beisamensein von Erasmusstudenten.

Praktischerweise gibt es in Frankreich kein Gesetz zur Begrenzung der Ladenöffnungszeiten, so dass wir uns in der Nähe der Gasse, in dem sich die Studenten versammelt hatten, in einem nahen Epicier zeitnah mit weiteren Getränken eindecken konnten. Ich führte einige weitgehend sinnfreie Unterhaltungen mit Chilenen und Preußen, bis gegen vier Uhr die Lage langsam unübersichtlich zu werden drohte. Die Meute verlagerte damit ihren Standort und setzte die Feier in Sabines Wohnung fort. Dort suchte ich trotz der andauernden Feierlichkeiten nach der versprochenen Matratze und verabschiedete mich damit nach einer Einschlafzeit im Millisekunden-Bereich von dem bunten Treiben, das noch bis halb acht Uhr morgens um mich herum andauerte.

Aus nachvollziehbaren Gründen waren unsere Vitalkräfte am nächsten Tag begrenzt. So suchten wir zunächst den botanischen Garten auf, in dem wir in einem unbeobachteten Bereich den kurzen Schlaf der Nacht noch etwas fortsetzten. Montpellier war eine andere Welt als Toulouse. In den ruhigen Gassen und Parks flanierten die Menschen bei sonnigem Wetter und genossen das Lebensgefühl, das die durchdachte Architektur der Stadt ganz automatisch erzeugte. Im botanischen Garten lag der Duft von Pinien und exotischen Pflanzen in der Luft, zu dem man Vögel zwitschern hörte, die in Toulouse innerhalb weniger Sekunden an einer Rauchvergiftung sterben würden. Ich bedauerte, dass Siemens VDO keinen Standort in Montpellier hatte und beschloss, die Matratze in Sabines Wohnung noch des Öfteren zu benützen. Montpellier steht damit auch auf der Liste der Tagesordnungspunkte von Leuten, die mich hier in Toulouse besuchen wollen, ganz weit oben.

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Katalanische Einflüsse in der Urbanistik


Durchbruch

Donnerstag, 26. Oktober 2006

Nachdem ich gestern mangels Themen hier schon zum Besuch in Toulouse aufgefordert hatte, begab ich mich gelangweilt in den Aufzug mit dem festen Vorsatz, acht Stunden zu schlafen. Im Aufzug traf ich einen Spanier an, mit deren Gruppe ich bereits vor anderthalb Wochen ausgegangen war. Er meinte, sie würden sich jetzt auf einem Zimmer noch aufwärmen und später auf eine Erasmusfete gehen.

Ich ging interessehalber mit und traf im Zimmer die übliche Runde ausländischer Wohnheimsalkoholiker an. Victor aus der französischen Schweiz meinte, man würde in Kürze zu der nicht allzu weit entfernten Disko aufbrechen. Es war bereits elf und ich musste am nächsten Tag ja arbeiten. Dennoch bin ich hier ja im Ausland, muss mich aus dem Mission-Statement des Aufenthalts heraus auch geringfügig danebenbenehmen und beschloss, der versammelten Mannschaft auf die Erasmusparty zu folgen.

Im Gegensatz zu letztem Samstag war ich dieses Mal noch artikulationsfähig und begann recht bald, mit maximaler Kontaktagression Erasmusstudenten anzusprechen. Im dritten unqualifizierten Kommunikationsversuch hatte ich schließlich Erfolg. Alexander aus Belgien stellte mich gleich seinen belgischen und mexikanischen Freunden und Freundinnen vor, die im weiteren Verlauf unkontrolliert in meinem Einzugsbereich herumtanzten. Außerdem verwies er mich auf ein weiter hinten stehendes Mädchen, das aus Katalonien kam.

Das war eine gute Gelegenheit, um mein Katalanisch wieder aufzufrischen. Die gute Dame war zunächst überrascht darüber, ihre Muttersprache zu hören, erkannte aber bald, dass ihre anfängliche Euphorie doch unbegründet war und ich über ein paar Lebensweisheiten nicht hinauskommen würde.

In der Zwischenzeit hatten sich ein paar Spanierinnen angenähert. Eine Dame erzählte mir, sie käme aus Asturien. Ich hatte im Juli Fremdenführer für zwei Mädchen aus Asturien gespielt und wusste deshalb, dass man dort die Verniedlichungsform nicht mit „ito/a“ sondern mit „ino/a“ bildet. Das war die Gelegenheit für einen intellektuell anspruchvollen Scherz. Ich fragte sie, ob „pagina“ (Seite) dann die asturianische Verniedlichungsform von „paja“ (Stroh, männliche Masturbation) sei. Sie verstand meine Gedankengänge nicht und macht sich in einem unaufmerksamen Moment meinerseits elegant aus dem Staub.

Es folgten noch Annäherungen an weitere französische und ausländische Studenten, bis ich um 1.30h das bunte Treiben verließ. Man kann diesen Abend im Nachhinein als Durchbruch meiner Zeit in Toulouse bezeichnen. Jetzt sind die Kontakte zu einem Teil der Erasmusstudenten geknüpft, auf denen man aufbauen kann. Einen anderen Teil hat man bereits erfolgreich verschreckt und wird damit zumindest in Erinnerung bleiben.

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Dezente Kennenlernversuche im Toulouser Nachtleben


Besuch

Mittwoch, 25. Oktober 2006

Es ist ja immer nützlich, Freunde irgendwo im Ausland zu haben. Man kann dann dort umsonst nächtigen und den Kühlschrank leerfuttern.

Das ist natürlich auch in Bezug auf Toulouse der Fall. Wenn jemand, der das hier liest und mich dazu noch kennt, bei mir vorbeikommen will, sei er herzlich eingeladen. Das muss auch gar nicht mal teuer sein. Mit der Lufthansa kann man bei rechtzeitigem Buchen (d.h. demnächst(!)) für 100 Euronen von München nach Toulouse und auch wieder zurück fliegen. Ich habe ein mildes mediteranes Klima in einer äußerst lebendigen Stadt sowie ein großes Bett anzubieten, das ich mir sogar auch mit männlichen Besuchern teilen würde (alternativ kann man natürlich auf dem Boden schlafen). Da ich Montag bis Freitag arbeite, bietet sich ein Wochenende an. Im Moment herrscht noch freie Auswahl abgesehen von 7.-10. Dezember und 24.-31. Dezember. Praktikumsende ist dann der 19. Januar. Das heißt insbesondere, dass ich die erste Woche im Januar, während der Studenten ja auch offiziell nicht arbeiten, hier bin. Vielleicht will da ja der eine oder andere dem deutschen Winter entfliehen.

So viel zur Eigenwerbung. Morgen gibt’s wieder was Richtiges.


Serata italiana

Dienstag, 24. Oktober 2006

Audrey, die Französin aus meiner Mailandzeit, lud mich heute zu einem italienischen Abend ein. Ich kam pünktlich um 19.30h in einem kleinen Café an. Der Kellner verwies mich an einen Tisch, an dem bereits vier Leute saßen. Das war gemessen an Uhrzeit und Kulturkreis bereits verdächtig viel. Tatsächlich kamen die Damen und Herren mittleren Alters aus Frankreich und Deutschland, waren aber am Austausch mit Italienern interessiert. In den folgenden Minuten gesellten sich weitere Franzosen sowie ein Italiener, der bereits seit 40 Jahren in Frankreich lebt, zu uns.

Eine der Französinnen, die neben Audrey noch zu uns stieß, hatte ebenfalls mit mir in Mailand studiert. Sie war mir als weder besonders sympathisch noch als hübsch in Erinnerung und so hatte ich wohl inzwischen auch schon verdrängt, dass sie ebenfalls aus Toulouse kam. Ich erinnerte mich dunkel, dass sie mir einmal ihre Handynummer gegeben hatte, die ich allerdings nie gespeichert hatte, weil ich ihren Namen jedes Mal aufs Neue wieder vergaß. Dieses Mal gab sie mir glücklicherweise ihre Nummer auf einem Zettel samt ihrem Namen, so dass mir umständliche Manöver zum versteckten Eingeben eines Alibinamens in mein Handy erspart blieben.

Alles in Allem war der Abend äußerst flau. Man war sich – wie eigentlich bei jedem Zusammentreffen mit Franzosen – darin einig, dass Sprachdidaktik nicht zu den Stärken der Franzosen gehört. Ähnlich spektakuläre Themen waren Rundreisen in Slowenien, Devisenaustausch in der Slowakei sowie Ratten als sizilianische Delikatesse.

Nach zwei Wochen lässt sich feststellen, dass es hier etwas schwieriger ist als Mailand, internationale Freunde zu finden. Die bisher hochkarätigste Chance zum Kennenlernen von Erasmusstudenten hatte sich bei einer Erasmusfeier am Samstag geboten. Infolge von zu intensivem TGV-Konsum waren aber anscheinend keine brauchbaren Unterhaltungen zustande gekommen. Mehr über den Durchbruch bei meiner hiesigen Sozialisierung gibt es hoffentlich demnächst von dieser Stelle.


Urbanes Leben

Montag, 23. Oktober 2006

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Wer in Toulouse ganz nah an der Natur von Mensch und Tier und den damit verbundenen Grundbedürfnissen sein will, hat’s nicht weit. Von cremig bis herzhaft, von bereits verdautem Material bis hin zu Ausschuss, der die strengen Qualitätskontrollen am Anfang des Verdauungstrakts nicht bestanden hat – für jeden Geschmack findet sich etwas, ohne dabei lange suchen zu müssen. Beim Joggen kann man unter Brücken in den olfaktorischen Genuss einer hohen Nitratkonzentration kommen oder auch Menschen beim Schlafen beobachten. In ungünstigen Fällen sogar gleichzeitig.

Auch in Bayern findet man ab und an mal einen Hundehaufen. Nur warum lässt der Franzose seinen Vierbeiner gar so routiniert auf den Gehweg kacken? Der Ursprung liegt wohl in der klugen Heiratspolitik Pariser Adelsgeschlechter im Mittelalter. Deswegen hat sich in den folgenden Jahrhunderten die Zentralgewalt in Paris weit stärker entwickelt als in Deutschland, wo der Kaiser sich genauso wie heute die Kanzlerin von den Landesfürsten auf der Nase herumtrampeln lassen musste. Die zentrale Macht in Paris hatte zwei gesellschaftliche Folgen. Autorität ist in Frankreichs Familien und Schulen ein weitaus präsenteres Konzept als diesseits des Rheins. Und während sich hierzulande eine breite gesellschaftstragende Mittelschicht herausgebildete, waren Auf- und Abstieg in Frankreich stark korreliert mit Gunst und Ungunst der Zentralgewalt. Da der Franzose also in stärkerem Maß als der Deutsche sein Handeln nach anwesenden Autoritäten ausrichtet und ein weniger subsidiares Gesellschaftsverständnis hat, macht er auch den Hundehaufen seltener weg und uriniertbefreiter ins Eck. Wenn da die Pariser Adelsgeschlechter mal gewusst hätten, wozu die ganze Anbandelei einmal führen würde.


Homöopathische Ansätze im Nachtleben

Freitag, 20. Oktober 2006

Normalerweise gibt es in Frankreich das Bier im handlichen 0,25l-Format. Was für den ungeübten Franzosen zur Erhaltung der Frische bis zum vollständigen Verzehr des Bieres notwendig ist, bringt für den gehobenen Bierconnaisseur eine ganze Reihe von Nachteilen mit sich:

– Höherer Bezugspreis
– Geringerer maximaler Ansaugunterdruck
– Niedrigere mittlere Trinkgeschwindigkeit durch fehlende Anreizstruktur eines warm werdenden Bieres
– Komplexere Beschaffungslogistik

Diese ohnehin schon problematische Lage wird durch niedrigen Alkoholgehalt im Bereich von 4,0 bis 4,4% unnötig verschärft. Damit stand mein Ziel der gestrigen Integrationsfeier im Wohnheim, den folgenden Tag mit der positiven Energie von noch deutlich spürbarem Restalkohol anzugehen, unter schwierigen Vorzeichen. Tatsächlich konnte dieser Zustand auch nach einer im Nachhinein nicht mehr quantifizierbaren Menge des bewährten Finkbräu einer bekannten deutschen Discounterkette nicht herbeigeführt werden. Der Alkoholisierungsgrad reichte ebenfalls nicht, um humoristische Bemühungen meiner französischsprachigen Mitbewohner nachvollziehen zu können, die drei verschiedene Techniken des Graben von Tunnels durch Zwerge untersuchten und dies auf untenstehendem Foto auch durch Handzeichen zu verdeutlichen versuchen.

Vielleicht sollte man für die Zeit in Toulouse doch auf bekannte Getränke aus vergangenen Erasmuszeiten zurückgreifen. Mehr über die Verfügbarkeit von TGVs im Toulouser Nachtleben gibt es deshalb demnächst von dieser Seite.

Drei Zwerge graben einen Tunnel. Der erste mit der Hacke, des zweite mit der Schaufel und der dritte mit seinem Kopf.

Drei Zwerge graben einen Tunnel. Der erste mit einer Hacke, der zweite mit einer Schaufel, der dritte mit seinem Kopf.


Praktikum – Tag 1

Montag, 16. Oktober 2006

Nachdem ich mit den bisherigen Postings der Realität drei Täge hinterherschrieb, boten die verhältnismäßig ereignislosen Tage des Wochenendes nun die Gelegenheit, zur Gegenwart aufzuschließen. Haupthandlungsfelder für Freitag bis Sonntag waren:

– Reinigung und mehrtätiges Auslüften der Wohnung einschließlich der Entsorgung einer nicht unerheblichen Menge an Körperbehaarung, die relativ gleichverteilt in meinem Zimmer zu finden war
– Eröffnen eines Bankkontos, das etwa 75 Minuten in Anspruch nahm („Straight through processing“ gibt’s ja bisher nur am ibi in Regensburg)
– Sozialisierungen mit Deutschen und Spaniern einschließlich Alkoholmissbrauch und Nachtleben
– Einrichten der völlig leeren Wohnung, aus der mein Vorgänger sogar die selbst erworbenen Vorhänge im Zuge seines Umzugs mittransportierte

Nachdem ich damit die wesentlichen Erfahrungen eines Auslandspraktikums in Hinblick auf Belastbarkeit, Selbständigkeit und Kommunikationsfähigkeit schon gemacht hatte, konnte heute mein Praktikum beginnen. Darüber darf man ja eigentlich gar nichts schreiben, weil das, was ich mache, extrem geheim ist. Genauer gesagt soll ich die Gesaltung des Intranets einer Abteilung innerhalb der Siemens Group beleuchten. Mehr kann man aber echt nicht sagen.

Viel interessanter ist ja das ganze Arbeitsumfeld. Als Deutscher plant man ja und bereitet sich deswegen auch vor. So las ich mir am Sonntag einen wissenschaftlichen Text über die Unterschiede zwischen deutscher und französischer Arbeitskultur durch.

Die Franzosen kommunizieren demzufolge implizit, handeln personenbezogen, arbeiten simultan an vielen verschiedenen Sachen, trennen Privat- und Berufsleben nicht und arbeiten mit externalisierten Autoritäten auf Dissensbasis. Das liegt daran, dass Frankreich schon immer zentralistisch regiert wurde, dass Einschleimen am Königshof Grundvoraussetzung für beruflichten Erfolg war und dass der Protestantismus in Frankreich nie richtig Fuß fasste. Dagegen trampeln die Deutschen mit ihrer direkten Art den einfühlsamen Franzosen mit expliziten Fakten, aufgabenbasierter Arbeitsweise und Sachorientierung regelrecht nieder. Als ob man das nicht eh schon geahnt hätte.

Mit so viel internationaler Handlungskompetenz und Sendungsbewusstsein sah ich heute meinem ersten Arbeitstag entgegen. Dabei treffen die zitierten Klischees auf mein Praktikumsumfeld nicht zu, weil Siemens ja zum einen ein deutsches Unternehmen ist, was auch Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation in Frankreich hat und zum zweiten die Mitarbeiter in einer IT-Abteilung vielleicht grundsätzlich schon sachlicher an eine Aufgabe herangehen, als das in anderen Bereichen der Fall ist. So war der erste Tag heute absolut positiv zu beurteilen. Die Mitarbeiter in meinem Umfeld sind alle fähig, motiviert, können Sachen auf den Punkt bringen und lachen teilweise sogar über meine Späße. Die Aufgabenstellung meines Praktikums bringt relativ viel Eigenverantwortung mit sich, so dass ich wohl recht wenig typische Praktikantentätigkeiten erledigen werden muss. Außerdem schmeckt das Essen in der Kantine außerordentlich gut und die in Frankreich ausgeprägte Mitarbeiterorientierung bringt auch Annehmlichkeiten wie kostenloses Ausleihen von Filmen oder Sportangeboten mit sich.

Note:
Falls einer der mitlesenden Siemens-Mitarbeiter der Auffassung ist, dass ich hier schon in unzulässiger Weise Interna preisgegeben hätte, möge man das mir bitte mitteilen.


Der Himmel lichtet sich

Samstag, 14. Oktober 2006

Passend zur Stimmung prasselte der Regen die ganze Nacht hindurch auf das Dachfenster meines Zimmers. Beim Frühstück mit Madame, bei dem ich aus Gründen des Anstands meine noch feuchte Hose anzog, deutete sie an, dass ich meine Erwartungen so langsam nach unten schreiben sollte. Sie erzählte mir, dass sie Mitglied in einer Organisation sei, bei der Studenten und Praktikanten ein Platz in der Wohnung älterer Leute vermittelt wurde. Das sei nicht teuer und es würde sich auch schnell ein Zimmer für mich finden. Ich versuchte, ein nicht zu niedriges und nicht zu hohes Maß an Begeisterung vorzutäuschen und rief die Chefin der Organisation an. Für den Fall, dass Madame mich nicht mehr bei sich haben wollte, sollte die Organisation ein recht zuverlässiger und günstiger Zufluchtsort sein.

Gegen halb zehn war dann auch meine Hose halbwegs trocken, so dass ich mich auf den Weg zu den am Vortag positiv beurteilten Anzeigen im CRIJ machte. Dort warteten bereits etwa 15 weitere Jugendliche vor verschlossenen Türen, die anschließend mit mir zu Wohnungsannoncen stürmten. Das erinnerte mich etwas an die Videos, die man im Internet gelegentlich von der mit Sonderangeboten garnierten Eröffnung von Media Märkten in Polen sehen kann. Es gab wieder zahlreiche neue Anzeigen. Während die Franzosen fleißig Nummern und Beschreibungen in ihren Blöcken notierten, rief ich die Leute direkt mit dem Handy an. Von den vier Anzeigen, die ich mir zusagten, war allerdings niemand erreichbar. Das war jetzt auch nicht schlechter als erwartet. Zumindest hatte ich dort nun als erster angerufen.

Eine Dame am Empfang verwies dann auf einen Ordner, in der Angebote speziell für jugendliche Arbeiter und Praktikanten zu finden waren. Das bisher schwerwiegendste Problem, dass ich nur drei Monate in Toulouse verbringen würde, sollte dort kaum ins Gewicht fallen, weil eine kurze Aufenthaltsdauer bei Praktikanten ja ganz normal ist. Ich stieß auf eine Liste mit Wohnheimen für Praktikanten, die sich auf Französisch „foyer“ (Empfangshalle) nennen. Eines der aufgelisteten Foyers lag ganz nett im Stadtzentrum. Ich rief an und man bat mich, direkt vorbeizukommen.

In der Mitte einer kleinen ruhigen aber dennoch zentralen Gasse befand sich die Résidence des Jeunes Travailleurs inmitten rötlichen alten Gebäuden. Das Nieseln des Morgens war mittlerweile einem strahlenden Sonnenschein gewichen, der das Viertel in eine idyllische Altstadtlandschaft tauchte. Im Hof begrüßte mich eine Dame, überreichte mir ein Blatt mit Informationen über die Herberge und einen Antrag, den ich bei Gefallen unterschreiben sollte. Man hatte hier Zimmer mit etwa 12 m² und große Gemeinschaftsbereiche, in denen man auch mit Laptop ins Internet gehen konnte. In den 450 € waren Frühstück und sechs Abendessen im Monat inbegriffen. Das einzige aber umso bedeutsamere Problem bei dieser Herberge war, dass keine Plätze frei waren. Die Angestellte meinte, dass hier relativ regelmäßig Leute die Herberge verlassen würden, so dass wahrscheinlich in etwa zwei Wochen bei meinem jetztigen Listenplatz für mich etwas freiwerden würde.

Das war die erste wirklich positive Erfahrung bei der Suche nach einer festen Wohnung. Die zwei Wochen bis zum Freiwerden eines Platzes könnte ich vielleicht bei einer der alten Damen der Organisation meiner derzeitigen Vermieterin verbringen. Auf diese Weise würde ich zunächst etwas Alltagsleben mitbekommen und mit anschließend in der Herberge weiter sozialisieren.

So positiv gestimmt, gönnte ich mir zum ersten Mal in Toulouse eine Mittagsmahlzeit. Ich machte mir in meiner vorübergehenden Wohnung ein Baguette und erzählte Madame von den Neuigkeiten. Sie war spürbar erfreut, dass sie nicht weiter auf das Senken meiner Anforderung an eine Wohnung hinwirken musste.

In der Zwischenzeit hatte einer der Menschen, die ich am Morgen zu erreichen versucht hatte, zurückgerufen. Er hatte mir einen Platz in einem Wohnheim anzubieten, für den ich 490 € zahlen müsste. Das klang auch nicht schlecht und so versprach ich, um 18:30 Uhr bei ihm vorbeizusehen.

Als ich vor seiner Unterkunft ankam, bemerkte ich, dass ich die falsche Hausnummer notiert hatte. Daher war mir auch nicht aufgefallen, dass sein Wohnheim tags zuvor die Nummer eins meines Ratings belegt hatte. Pech und Glück wechseln sich wohl oft nicht ab, sondern treten schubweise am Stück auf. Redouane empfing mich am Eingang der Herberge und zeigte mir die Räumlichkeiten. In seinem Zimmer roch es recht intensiv nach Rauch und den Essensresten, die wohl schon einige Zeit in seiner Küchenecke herumlagen. Aber ich musste ja nicht mit ihm zusammenleben, sondern würde sein Zimmer beziehen. Die Gemeinschaftseinrichtungen waren eher schmal gefasst. Doch gab es immerhin Internetanschlüsse in einem Gemeinschaftsraum und Waschmaschinen. Redouane meinte, ich könnte das Zimmer bereits am nächsten Tag beziehen. Ich trauerte kurz dem ruhigen Foyer vom Nachmittag nach und sagte anschließend Redouane zu, dass ich das Zimmer morgen beziehen würde.

In dieser Nacht schlief ich so beruhigt wie schon seit langem nicht mehr. Am nächsten Tag, dem Freitag, würde ich noch rechtzeitig vor Beginn des Praktikums alle nötigen Behördengänge hinter mich bringen können.


Wohnungssuche Tag zwei – jetzt kann’s nur noch aufwärts gehen

Samstag, 14. Oktober 2006

Für diesen Tag hatte ich Großes vor. Wenn man den ganzen Tag intensiv suchen würde, sollte man schon eine annehmbare Wohnung finden, sagte ich mir. Beim Frühstück räumte die Dame, in deren Haus ich die Nacht verbracht hatte, ein, dass es ihr nun doch nicht recht sei, wenn ich dauerhaft bei ihr wohnen würde. So musste ich nun immerhin keine Vorwände erfinden, warum mir ihre Wohnung nicht gefiel, und konnte mit den Tipps, die sie mir im Anschluss gab, reinen Gewissens mit der Wohnungssuche beginnen.

Mein erster Anlaufpunkt war das Internetcafé vom Vortag. Zwar war es nun um acht Uhr morgens noch nicht geöffnet, an der Verfügbarkeit des WLAN änderte das allerdings nichts. Ich setzte mich auf die Eingangsstufen, nahm mein Laptop und durchsuchte einige Seiten nach Wohnungsanzeigen. Da Anrufe bei den meisten Anzeigen nur abends erwünscht waren, beschloss ich, mich für den Morgen auf Studentenwohnheime zu fokussieren.

Inzwischen kam ein Angestellter des Cafés vorbei und fragte mich, ob ich ins Internet gehen wolle. Ich bejahte wahrheitsgemäß und schlich mich ums Eck, wo er mich nicht mehr sehen konnte, das WLAN aber immer noch gut genug war.

Unter den zahlreichen Studentenwohnheimen suchte ich diejenigen mit halbwegs zentraler Lage heraus und rief die angegebenen Nummern an. Die meisten Wohnheime waren erwartungsgemäß ausgebucht. Nur zwei hätten noch freie Zimmer. Aufgrund meiner geringen Verweildauer in Toulouse von nur gut drei Monaten sollte ich allerdings einen Tagestarif von etwa 30 Euro zahlen. Auf den Monat hochgerechnet ist das eine ziemliche Unverschämtheit. In einem Wohnheim konnte man mir auch einen Platz auf Monatsbasis anbieten. Dort sollte ich mit meinen Eltern erscheinen, die eine Verdienstbestätigung sowie die Kontoauszüge der letzten Monate mitbrächten. Auch das erschien mir nicht die wirtschaftlichste Lösung.

Das Thema Studentenwohnheim war damit abgehakt und ich konnte nun den Tipps meiner Vermieterin der letzten Nacht nachgehen. CROUS und CRIJ sind jeweils gemeinnützige Organisationen, die Studenten bzw. Jugendliche grundlegenden Problemlagen wie der meinen unterstützen. Vor allem in letzterem fand ich jede Menge guter Wohnungsanzeigen, bei denen ich allerdings entweder zu spät kam und sich die Eigentümer nicht bereit erklärten, mich für nur drei Monate zu beherbergen. Immerhin gab es eine Tafel mit den Anzeigen des Tages, die nach Auskunft der Dame am Schalter jeden Morgen um zehn aktualisiert würden. Im Anschluss ging ich an die Wirtschaftsuniversität, wo man mir einen Ordner mit Anzeigen gab. Ich notierte fleißig Telefonnummern von zumutbaren Angeboten.

Mittlerweile war es Abend und damit konnte ich die zahlreichen Anzeigen abtelefonieren, die ich im Tagesverlauf gesammelt hatte. Zwei Wohnungen waren noch nicht vergeben und ich könnte sie am gleichen Abend besichtigen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon recht erschöpft. Ich war den ganzen Tag mit meinem Laptop durch die Stadt gerannt und die vielen Absagen, die ich im bis dahin bekommen hatten, wirkten auch nicht unbedingt aufbauend. Ich ging die Treppe der Metro hinab, um zur ersten Wohnungsbesichtigung zu fahren.

Während ich auf den Zug wartete, rief hinter mir ein Mädchen „Olivier! Olivier!“. Ich sah mich um. Am Aussehen konnte ich nicht sofort erkennen, wer da vor mir stand. Es konnte sich aber eigentlich nur um Audrey handeln. Audrey hatte wie ich in Mailand ein Erasmusjahr verbracht und kam aus Toulouse. Ich hatte sie zuvor nicht kontaktiert, weil sie in meiner Erinnerung nach in Paris studierte. Außerdem hatte ich sie nur wenige Male gesehen, weswegen mir ihr Gesicht auch kaum Erinnerung geblieben war. Das skurrile an dieser Situation war, dass mich Audrey bereits während meines ersten Besuchs in Mailand nach der Erasmuszeit in der Jugendherberge erkannt hatte. Wahrscheinlich wird mich die Dame noch öfter in meinem Leben verfolgen. Sie erklärte mir, dass sie mit ihrem Studium bereits fertig sei und nun in Toulouse für Motorola arbeite. Audrey hatte leider auch keine Wohngelegenheit für mich, wir wollten uns aber in den nächsten Tagen einmal treffen.

Als ich bei der Metrohaltestelle in der Nähe der zu inspizierenden Wohnung ankam, bemerkte ich, dass ich mitten in einen Wolkenbruch geraten war. Da ich eine Dreiviertelstunde später schon bei der nächsten Wohnung sein wollte, schob ich Bedenken bezüglich des Laptops in meinem Rucksack beiseite und rannte durch den Regen. Immerhin fand ich die Wohnung auf direktem Weg und kam völlig durchnässt an.

Am Eingang der Wohnung im dritten Stock roch es bereits recht merkwürdig. Die beiden Bewohner hielten sich im Eingang einige Mäuse in Käfigen, die sie anscheinend nicht allzu häufig reinigten. Einer der Bewohner zeigte mir mein Zimmer, das von dem penetranten Geruch der Mäusepisse etwas entfernt war. In dem Zimmer befand sich eine Matratze auf dem Boden sowie ein Schrank. Sylvan erklärte mir, dass sie einen Mitbewohner suchten, der zumindest bis Juni blieben sollte. Seine träge und emotionslose Art deutete auf langjährigen Marihuanamissbrauch hin, dessen Geruch hier in der Wohnung vermutlich in dem der Mäuseexkremente unterging. Manchmal ist es unfassbar, unter welchen Bedingungen Menschen leben können. Da erschien mir selbst der Komfort im panamaischen Urwald noch höher. Für diese Wohnung war ich nun zehn Minuten durch den Regen gelaufen und hatte zudem die Pünktlichkeit bei der nächsten Wohnungsbesichtigung aufs Spiel gesetzt.

Ich rannte zurück zur Metrohaltestelle durch den immer noch anhaltenden Regen. Positiv an den soeben gemachten Erfahrungen war, dass es ab jetzt nur noch aufwärts gehen konnte. In der Metro wies mich ein kleiner Junge darauf hin, dass mein Rucksack offen war. Glücklicherweise war dies wohl erst seit dem Betreten der Metro so und der Laptop damit noch trocken. Ein anderes Mädchen bot mir Tempos an. Der Gesamteindruck, den ich mit meinen klitschnassen Klamotten mit nahezu volltransparentem T-Shirt hinterließ, war zugegebenermaßen suboptimal.

Die nächste Wohnung war näher am Zentrum gelegen und die Dame am Telefon klang auch wesentlich vertrauenserweckender. Ich kam dort mit einer in Frankreich unwesentlichen Verspätung an und rief die Vermieterin nochmals an, damit sie mir die Tür öffnete. Sie meinte, ich sollte hineinkommen, was aber an dem verschlossenen Zustand der Tür nichts änderte. Ich kontrollierte nochmals Straße und Hausnummer und rief erneut an. Die Dame meinte, ich solle einfach hineinkommen. Ein kurzer Blick nach rechts klärte die Situation. Die benachbarte Immobilienagentur hatte dieselbe Hausnummer und die Dame am Schalter hatte soeben mit mir telefoniert. Für Provisionen von Immobilienagenturen war in meinem Budget bei einem dreimonatigen Aufenthalt bestimmt kein Platz und so trat ich die Reise zu der Dame, bei der ich schon die Nacht zuvor verbracht hatte an.

An diesem Mittwoch Abend war ich mit der Gesamtsituation unzufrieden. Ich hatte immer noch den penetranten Gestank der Mäuse in Nase und keine trockene Hose mehr, weil ich fast mein ganzes Gepäck im Bahnhof abgegeben hatte. Außerdem müsste ich bis zum Praktikumsbeginn am Montag noch eine Wohnung finden, einen Mietvertrag abschließen, umziehen, ein Bankkonto eröffnen, das Studententicket für den Nahverkehr und einen Zuschuss für die Wohnung beantragen sowie mich um eine Aufenthaltsgenehmigung kümmern. Voilà.


On est complet – auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf

Freitag, 13. Oktober 2006

Mein erstes Ziel in Toulouse war die dortige Jugendherberge. Ich hatte es nicht für nötig gehalten, vorab zu reservieren, weil ich an einem Dienstag im Oktober keinen großen Touristenandrang in Toulouse erwartet hatte und man zudem per Fax hätte reservieren müssen. Ich quälte mich mit meinem Gepäck den Berg zur Jugendherberge hinauf und betrat schweißüberströmt den Empfang.

Man sah mich erstaunt an und teilte mir nach einer kurzen Schrecksekunde mit, dass die Herberge für die gesamte Woche ausgebucht sei. Auch in dem Hotel auf der anderen Straßenseite waren bereits alle Betten ausgebucht. Man schickte mich ins Office de Tourisme, wo man mir lediglich ein Zimmer in einem Hotel 10 km außerhalb der Stadt anbieten konnte. Das war weder als Startpunkt für die Wohnungssuche noch in Hinblick auf ein studentisches Budget vertretbar. Der Grund für den kurzfristigen Engpass sei ein Festival in dieser Woche gewesen.

Ich malte mir kurz aus, die Nacht auf Erasmusfeten zu verbringen und tagsüber im Park zu schlafen, redete mir dann aber ein, für solche Heldentaten schon zu alt zu sein. Außerdem muss man bei der Wohnungssuche ja einen seriösen Eindruck machen. Glücklicherweise hatte ich über Sebastian im Vorfeld Kai kennen gelernt, der letztes Jahr ein Praktikum in Toulouse gemacht hatte. Ich rief seine damalige Vermieterin an, die mich wiederum an die HR-Abteilung von Siemens weiterleitete. Die Dame am Telefon bat mich um meine Emailadresse, um mir eine Liste mit möglichen Anlaufpunkten zu schicken.

Während ich bei der französischen Telekom einen Handyvertrag abschloss, fiel mir auf, dass ich der Dame von Siemens eine falsche Emailadresse gegeben hatte. Da das französische Buchstabieren einen Großteil meiner Denkkapazität beansprucht hatte, hatte ich den vorderen Teil meiner stud-Adresse mit dem hinteren Teil meiner GMX-Adresse kombiniert. Ich rief die Dame – dieses Mal mit meinem Handy – erneut an und gestand, ihr eine falsche Emailadresse gegeben zu haben. Dabei kam ich mir vor wie Whoopy Goldberg in „Ghost“, die bei der Eröffnung eines Kontos nach einem neuen Formular bittet, weil sie mit dem falschen Namen unterschrieben habe.

Ich suchte ein Internetcafé (auf Französisch sogar „Cybercafé“) und ließ mir die Liste mit Kontaktdaten kooperativer Wohnungseigentümer ausdrucken. Zwar hatte man dort keine freien PCs, man erlaubte mir aber meinen eigenen Laptop zu benutzen und ich ging über eine von mehreren ungesicherten WLAN-Verbindungen ins Internet.

Jetzt konnte die Suche beginnen. Ich erkundigte mich nach gefährlichen Vierteln, lokalisierte die verschiedenen Angebote auf einer Karte und bewertete sie. Die ersten Anrufe bei potenziellen Vermietern waren recht enttäuschend. Entweder hatte man schon alle Betten vergeben oder man wollte mich nur auf der Basis täglicher Zahlungen im Bereich von 35€ beherbergen. Das hätte immerhin einer vierstelligen Monatsmiete entsprochen und das in einem Land, in dem Praktikanten normalerweise keine Vergütung erhalten.

Lediglich ein Angebot schien erschwinglich zu sein. Eine ältere Dame bot an, mich für 310 € im Monat bei sich wohnen zu lassen. Als ich bei ihr ankam, war es bereits acht Uhr und damit boten sich für den Rest des Tages keine großen Handlungsfelder mehr. Das Zimmer war okay und meine potenziellen Mitbewohner, zwei 18-jährige Studenten im ersten Semester, schienen auch ganz sympathisch zu sein. Dennoch hatte diese Lösung eine ganze Reihe von Nachteilen: Ich dürfte in der Küche anstelle der Kochplatten nur die Mikrowelle nutzen – und das auch nur zu bestimmten Zeiten. Internet gab es keines, Besuch war weder aus Deutschland noch aus meinem hiesigen Lebensumfeld erlaubt und die Dame erschien mir auch recht spießig. Kurz, alles was man sich so unter einem spaßigen Mini-Erasmusaufenthalt vorstellt, würde hier dem gepflegten Umgang mit der gut situierten Madame zum Opfer fallen. Ich bekundete dezent Interesse an der Wohnung, um zumindest diese Nacht hier verbringen zu können. Sie meinte, ich könne auch für 16 € nur eine Nacht hier verbringen. Das war das beste Angebot des gesamten Tages und so ging ich erschöpft und erleichtert ins Bett. Am nächsten Tag würde sich schon etwas finden lassen.


Anreise – l’aventure commence

Donnerstag, 12. Oktober 2006

In Toulouse leben 70.000 Studenten, die größtenteils ab September alle zumutbaren und auch den Großteil der unzumutbaren Wohnungen besetzen, so dass im Oktober nicht mehr viel zu holen ist. Mit diesem unangenehmen Gedanken im Hinterkopf stieg ich am Montag in meinen Nachtzug ein, der mich von München nach Paris bringen sollte.

 

Im Nachtzug trifft man ja oft ganz lustige Gestalten. Ich hatte dieses Mal den letzten Platz aus dem Sparnight-Kontingent in einem Viererabteil ergattert, in dem ich nur eine ältere, französische Dame vorfand, die mir beim Versuch, ihre Sachen am Boden zu verstauen, ihr Gesäß entgegenstreckte. Sie warnte mich vor, dass sie generell schnarche. Zwar habe sie Spezialkissen dabei, könne aber dennoch nicht ausschließen, dass es im Verlaufe der Nacht etwas lauter würde. Als mich dann der Schaffner aufklärte, dass wir die Nacht in dem Abteil lediglich zu zweit verbringen würde, war klar, dass diese Zugfahrt als Distraktionsquelle flachfällt. Immerhin bot mir die Dame an, mich in Paris im Taxi kostenlos mitzunehmen. Ich musste in Paris zu einem anderen Bahnhof fahren und das wäre mit den etwa 50 kg Gepäck, die ich mit mir trug zumindest umständlich gewesen. Bei dämmrigem Licht erzählte mir Marie-Claude, dass sie in Starnberg ältere Menschen, mit denen sie befreundet war, gepflegt habe. Diese Leute seien zwar Österreicher, dürften aber seit den 60er Jahren in mehr ins Land einreisen. Ich stellte einige Vermutungen an, versuchte dann aber, möglichst früh einzuschlafen, um dem Schnarchkonzert zuvorzukommen und überstand die Nacht mit einer gesunden Portion Schlaf.

 

Als wir im nächsten Tag ins Taxi einstiegen, lüftete die ältere Dame das Geheimnis um ihre österreichischen Bekannten. Der ältere Herr jenseits der 90, der trotz seines Alters von Zeit zu Zeit reiselustig die Welt erkundet, sei der letzte österreichische Kaiser gewesen, der wohl nur kurz an der Macht gewesen sei, was zudem auch schon einige Jahre her war. Als sie das Wort „Habsburger“ aussprach, wurde sie leise, damit der Taxifahrer die besondere Brisanz seiner Fahrgäste nicht erahnen konnte. Nun steht das ganze im Internet. Da kann es auch der Taxifahrer nachlesen und dementsprechend agieren.

 

In Montparnasse suchte ich nun meinen TGV. Die französische Bahn hat ähnlich wie viele Billigflieger ein progressives Preissystem, das frühes Buchen unter Ausschluss von Umtauschrechten belohnt. So hatte ich mir für 32 € einen Platz in der 1. Klasse gesichert, auf dem ich in gut fünf Stunden in das 680 km entfernte Toulouse gebracht würde. Nach einigen Metern, die ich am Bahnsteig neben dem Zug entlang ging, kam ich zu den Feststellung, dass man den „Train à grande vitesse“ besser in einen „Train de grande longueur“ umbenennen sollte. Ich schleppte mein schweres Gepäck einige hundert Meter weit, bis ich hinter Wag Nr. 10 meinen Wagen Nr. 11 zu finden hoffte. Ungünstigerweise kam nach Wagen Nr. 10 Wagen Nr. 20, von dem ab schrittweise bis 11 hinuntergezählt wurde. Nachdem ich an der Spitze des Zuges wohl einen beträchtlichen Teil der Strecke Paris-Toulouse zu Fuß zurückgelegt hatte, setzte ich mich durchgeschwitzt auf den breiten Sitz und harrte der Dinge, die da kämen.

 

 

Der TGV ganz leer - will wohl niemand nach Toulouse

Der TGV ganz leer – will wohl niemand nach Toulouse?