Anreise – l’aventure commence

In Toulouse leben 70.000 Studenten, die größtenteils ab September alle zumutbaren und auch den Großteil der unzumutbaren Wohnungen besetzen, so dass im Oktober nicht mehr viel zu holen ist. Mit diesem unangenehmen Gedanken im Hinterkopf stieg ich am Montag in meinen Nachtzug ein, der mich von München nach Paris bringen sollte.

 

Im Nachtzug trifft man ja oft ganz lustige Gestalten. Ich hatte dieses Mal den letzten Platz aus dem Sparnight-Kontingent in einem Viererabteil ergattert, in dem ich nur eine ältere, französische Dame vorfand, die mir beim Versuch, ihre Sachen am Boden zu verstauen, ihr Gesäß entgegenstreckte. Sie warnte mich vor, dass sie generell schnarche. Zwar habe sie Spezialkissen dabei, könne aber dennoch nicht ausschließen, dass es im Verlaufe der Nacht etwas lauter würde. Als mich dann der Schaffner aufklärte, dass wir die Nacht in dem Abteil lediglich zu zweit verbringen würde, war klar, dass diese Zugfahrt als Distraktionsquelle flachfällt. Immerhin bot mir die Dame an, mich in Paris im Taxi kostenlos mitzunehmen. Ich musste in Paris zu einem anderen Bahnhof fahren und das wäre mit den etwa 50 kg Gepäck, die ich mit mir trug zumindest umständlich gewesen. Bei dämmrigem Licht erzählte mir Marie-Claude, dass sie in Starnberg ältere Menschen, mit denen sie befreundet war, gepflegt habe. Diese Leute seien zwar Österreicher, dürften aber seit den 60er Jahren in mehr ins Land einreisen. Ich stellte einige Vermutungen an, versuchte dann aber, möglichst früh einzuschlafen, um dem Schnarchkonzert zuvorzukommen und überstand die Nacht mit einer gesunden Portion Schlaf.

 

Als wir im nächsten Tag ins Taxi einstiegen, lüftete die ältere Dame das Geheimnis um ihre österreichischen Bekannten. Der ältere Herr jenseits der 90, der trotz seines Alters von Zeit zu Zeit reiselustig die Welt erkundet, sei der letzte österreichische Kaiser gewesen, der wohl nur kurz an der Macht gewesen sei, was zudem auch schon einige Jahre her war. Als sie das Wort „Habsburger“ aussprach, wurde sie leise, damit der Taxifahrer die besondere Brisanz seiner Fahrgäste nicht erahnen konnte. Nun steht das ganze im Internet. Da kann es auch der Taxifahrer nachlesen und dementsprechend agieren.

 

In Montparnasse suchte ich nun meinen TGV. Die französische Bahn hat ähnlich wie viele Billigflieger ein progressives Preissystem, das frühes Buchen unter Ausschluss von Umtauschrechten belohnt. So hatte ich mir für 32 € einen Platz in der 1. Klasse gesichert, auf dem ich in gut fünf Stunden in das 680 km entfernte Toulouse gebracht würde. Nach einigen Metern, die ich am Bahnsteig neben dem Zug entlang ging, kam ich zu den Feststellung, dass man den „Train à grande vitesse“ besser in einen „Train de grande longueur“ umbenennen sollte. Ich schleppte mein schweres Gepäck einige hundert Meter weit, bis ich hinter Wag Nr. 10 meinen Wagen Nr. 11 zu finden hoffte. Ungünstigerweise kam nach Wagen Nr. 10 Wagen Nr. 20, von dem ab schrittweise bis 11 hinuntergezählt wurde. Nachdem ich an der Spitze des Zuges wohl einen beträchtlichen Teil der Strecke Paris-Toulouse zu Fuß zurückgelegt hatte, setzte ich mich durchgeschwitzt auf den breiten Sitz und harrte der Dinge, die da kämen.

 

 

Der TGV ganz leer - will wohl niemand nach Toulouse

Der TGV ganz leer – will wohl niemand nach Toulouse?

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