On est complet – auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf

Mein erstes Ziel in Toulouse war die dortige Jugendherberge. Ich hatte es nicht für nötig gehalten, vorab zu reservieren, weil ich an einem Dienstag im Oktober keinen großen Touristenandrang in Toulouse erwartet hatte und man zudem per Fax hätte reservieren müssen. Ich quälte mich mit meinem Gepäck den Berg zur Jugendherberge hinauf und betrat schweißüberströmt den Empfang.

Man sah mich erstaunt an und teilte mir nach einer kurzen Schrecksekunde mit, dass die Herberge für die gesamte Woche ausgebucht sei. Auch in dem Hotel auf der anderen Straßenseite waren bereits alle Betten ausgebucht. Man schickte mich ins Office de Tourisme, wo man mir lediglich ein Zimmer in einem Hotel 10 km außerhalb der Stadt anbieten konnte. Das war weder als Startpunkt für die Wohnungssuche noch in Hinblick auf ein studentisches Budget vertretbar. Der Grund für den kurzfristigen Engpass sei ein Festival in dieser Woche gewesen.

Ich malte mir kurz aus, die Nacht auf Erasmusfeten zu verbringen und tagsüber im Park zu schlafen, redete mir dann aber ein, für solche Heldentaten schon zu alt zu sein. Außerdem muss man bei der Wohnungssuche ja einen seriösen Eindruck machen. Glücklicherweise hatte ich über Sebastian im Vorfeld Kai kennen gelernt, der letztes Jahr ein Praktikum in Toulouse gemacht hatte. Ich rief seine damalige Vermieterin an, die mich wiederum an die HR-Abteilung von Siemens weiterleitete. Die Dame am Telefon bat mich um meine Emailadresse, um mir eine Liste mit möglichen Anlaufpunkten zu schicken.

Während ich bei der französischen Telekom einen Handyvertrag abschloss, fiel mir auf, dass ich der Dame von Siemens eine falsche Emailadresse gegeben hatte. Da das französische Buchstabieren einen Großteil meiner Denkkapazität beansprucht hatte, hatte ich den vorderen Teil meiner stud-Adresse mit dem hinteren Teil meiner GMX-Adresse kombiniert. Ich rief die Dame – dieses Mal mit meinem Handy – erneut an und gestand, ihr eine falsche Emailadresse gegeben zu haben. Dabei kam ich mir vor wie Whoopy Goldberg in „Ghost“, die bei der Eröffnung eines Kontos nach einem neuen Formular bittet, weil sie mit dem falschen Namen unterschrieben habe.

Ich suchte ein Internetcafé (auf Französisch sogar „Cybercafé“) und ließ mir die Liste mit Kontaktdaten kooperativer Wohnungseigentümer ausdrucken. Zwar hatte man dort keine freien PCs, man erlaubte mir aber meinen eigenen Laptop zu benutzen und ich ging über eine von mehreren ungesicherten WLAN-Verbindungen ins Internet.

Jetzt konnte die Suche beginnen. Ich erkundigte mich nach gefährlichen Vierteln, lokalisierte die verschiedenen Angebote auf einer Karte und bewertete sie. Die ersten Anrufe bei potenziellen Vermietern waren recht enttäuschend. Entweder hatte man schon alle Betten vergeben oder man wollte mich nur auf der Basis täglicher Zahlungen im Bereich von 35€ beherbergen. Das hätte immerhin einer vierstelligen Monatsmiete entsprochen und das in einem Land, in dem Praktikanten normalerweise keine Vergütung erhalten.

Lediglich ein Angebot schien erschwinglich zu sein. Eine ältere Dame bot an, mich für 310 € im Monat bei sich wohnen zu lassen. Als ich bei ihr ankam, war es bereits acht Uhr und damit boten sich für den Rest des Tages keine großen Handlungsfelder mehr. Das Zimmer war okay und meine potenziellen Mitbewohner, zwei 18-jährige Studenten im ersten Semester, schienen auch ganz sympathisch zu sein. Dennoch hatte diese Lösung eine ganze Reihe von Nachteilen: Ich dürfte in der Küche anstelle der Kochplatten nur die Mikrowelle nutzen – und das auch nur zu bestimmten Zeiten. Internet gab es keines, Besuch war weder aus Deutschland noch aus meinem hiesigen Lebensumfeld erlaubt und die Dame erschien mir auch recht spießig. Kurz, alles was man sich so unter einem spaßigen Mini-Erasmusaufenthalt vorstellt, würde hier dem gepflegten Umgang mit der gut situierten Madame zum Opfer fallen. Ich bekundete dezent Interesse an der Wohnung, um zumindest diese Nacht hier verbringen zu können. Sie meinte, ich könne auch für 16 € nur eine Nacht hier verbringen. Das war das beste Angebot des gesamten Tages und so ging ich erschöpft und erleichtert ins Bett. Am nächsten Tag würde sich schon etwas finden lassen.

2 Responses to On est complet – auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf

  1. Chris sagt:

    *Daumen drück*

  2. Ji sagt:

    Hey Du, kann noch keinen Blick richtig werfen, weil ich mich gleich auf den Weg machen muss.

    Bin aber gespannt auf Deine Abenteurer.

    Macht’s besser.

    J.

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