Der Himmel lichtet sich

Passend zur Stimmung prasselte der Regen die ganze Nacht hindurch auf das Dachfenster meines Zimmers. Beim Frühstück mit Madame, bei dem ich aus Gründen des Anstands meine noch feuchte Hose anzog, deutete sie an, dass ich meine Erwartungen so langsam nach unten schreiben sollte. Sie erzählte mir, dass sie Mitglied in einer Organisation sei, bei der Studenten und Praktikanten ein Platz in der Wohnung älterer Leute vermittelt wurde. Das sei nicht teuer und es würde sich auch schnell ein Zimmer für mich finden. Ich versuchte, ein nicht zu niedriges und nicht zu hohes Maß an Begeisterung vorzutäuschen und rief die Chefin der Organisation an. Für den Fall, dass Madame mich nicht mehr bei sich haben wollte, sollte die Organisation ein recht zuverlässiger und günstiger Zufluchtsort sein.

Gegen halb zehn war dann auch meine Hose halbwegs trocken, so dass ich mich auf den Weg zu den am Vortag positiv beurteilten Anzeigen im CRIJ machte. Dort warteten bereits etwa 15 weitere Jugendliche vor verschlossenen Türen, die anschließend mit mir zu Wohnungsannoncen stürmten. Das erinnerte mich etwas an die Videos, die man im Internet gelegentlich von der mit Sonderangeboten garnierten Eröffnung von Media Märkten in Polen sehen kann. Es gab wieder zahlreiche neue Anzeigen. Während die Franzosen fleißig Nummern und Beschreibungen in ihren Blöcken notierten, rief ich die Leute direkt mit dem Handy an. Von den vier Anzeigen, die ich mir zusagten, war allerdings niemand erreichbar. Das war jetzt auch nicht schlechter als erwartet. Zumindest hatte ich dort nun als erster angerufen.

Eine Dame am Empfang verwies dann auf einen Ordner, in der Angebote speziell für jugendliche Arbeiter und Praktikanten zu finden waren. Das bisher schwerwiegendste Problem, dass ich nur drei Monate in Toulouse verbringen würde, sollte dort kaum ins Gewicht fallen, weil eine kurze Aufenthaltsdauer bei Praktikanten ja ganz normal ist. Ich stieß auf eine Liste mit Wohnheimen für Praktikanten, die sich auf Französisch „foyer“ (Empfangshalle) nennen. Eines der aufgelisteten Foyers lag ganz nett im Stadtzentrum. Ich rief an und man bat mich, direkt vorbeizukommen.

In der Mitte einer kleinen ruhigen aber dennoch zentralen Gasse befand sich die Résidence des Jeunes Travailleurs inmitten rötlichen alten Gebäuden. Das Nieseln des Morgens war mittlerweile einem strahlenden Sonnenschein gewichen, der das Viertel in eine idyllische Altstadtlandschaft tauchte. Im Hof begrüßte mich eine Dame, überreichte mir ein Blatt mit Informationen über die Herberge und einen Antrag, den ich bei Gefallen unterschreiben sollte. Man hatte hier Zimmer mit etwa 12 m² und große Gemeinschaftsbereiche, in denen man auch mit Laptop ins Internet gehen konnte. In den 450 € waren Frühstück und sechs Abendessen im Monat inbegriffen. Das einzige aber umso bedeutsamere Problem bei dieser Herberge war, dass keine Plätze frei waren. Die Angestellte meinte, dass hier relativ regelmäßig Leute die Herberge verlassen würden, so dass wahrscheinlich in etwa zwei Wochen bei meinem jetztigen Listenplatz für mich etwas freiwerden würde.

Das war die erste wirklich positive Erfahrung bei der Suche nach einer festen Wohnung. Die zwei Wochen bis zum Freiwerden eines Platzes könnte ich vielleicht bei einer der alten Damen der Organisation meiner derzeitigen Vermieterin verbringen. Auf diese Weise würde ich zunächst etwas Alltagsleben mitbekommen und mit anschließend in der Herberge weiter sozialisieren.

So positiv gestimmt, gönnte ich mir zum ersten Mal in Toulouse eine Mittagsmahlzeit. Ich machte mir in meiner vorübergehenden Wohnung ein Baguette und erzählte Madame von den Neuigkeiten. Sie war spürbar erfreut, dass sie nicht weiter auf das Senken meiner Anforderung an eine Wohnung hinwirken musste.

In der Zwischenzeit hatte einer der Menschen, die ich am Morgen zu erreichen versucht hatte, zurückgerufen. Er hatte mir einen Platz in einem Wohnheim anzubieten, für den ich 490 € zahlen müsste. Das klang auch nicht schlecht und so versprach ich, um 18:30 Uhr bei ihm vorbeizusehen.

Als ich vor seiner Unterkunft ankam, bemerkte ich, dass ich die falsche Hausnummer notiert hatte. Daher war mir auch nicht aufgefallen, dass sein Wohnheim tags zuvor die Nummer eins meines Ratings belegt hatte. Pech und Glück wechseln sich wohl oft nicht ab, sondern treten schubweise am Stück auf. Redouane empfing mich am Eingang der Herberge und zeigte mir die Räumlichkeiten. In seinem Zimmer roch es recht intensiv nach Rauch und den Essensresten, die wohl schon einige Zeit in seiner Küchenecke herumlagen. Aber ich musste ja nicht mit ihm zusammenleben, sondern würde sein Zimmer beziehen. Die Gemeinschaftseinrichtungen waren eher schmal gefasst. Doch gab es immerhin Internetanschlüsse in einem Gemeinschaftsraum und Waschmaschinen. Redouane meinte, ich könnte das Zimmer bereits am nächsten Tag beziehen. Ich trauerte kurz dem ruhigen Foyer vom Nachmittag nach und sagte anschließend Redouane zu, dass ich das Zimmer morgen beziehen würde.

In dieser Nacht schlief ich so beruhigt wie schon seit langem nicht mehr. Am nächsten Tag, dem Freitag, würde ich noch rechtzeitig vor Beginn des Praktikums alle nötigen Behördengänge hinter mich bringen können.

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