Wohnungssuche Tag zwei – jetzt kann’s nur noch aufwärts gehen

Für diesen Tag hatte ich Großes vor. Wenn man den ganzen Tag intensiv suchen würde, sollte man schon eine annehmbare Wohnung finden, sagte ich mir. Beim Frühstück räumte die Dame, in deren Haus ich die Nacht verbracht hatte, ein, dass es ihr nun doch nicht recht sei, wenn ich dauerhaft bei ihr wohnen würde. So musste ich nun immerhin keine Vorwände erfinden, warum mir ihre Wohnung nicht gefiel, und konnte mit den Tipps, die sie mir im Anschluss gab, reinen Gewissens mit der Wohnungssuche beginnen.

Mein erster Anlaufpunkt war das Internetcafé vom Vortag. Zwar war es nun um acht Uhr morgens noch nicht geöffnet, an der Verfügbarkeit des WLAN änderte das allerdings nichts. Ich setzte mich auf die Eingangsstufen, nahm mein Laptop und durchsuchte einige Seiten nach Wohnungsanzeigen. Da Anrufe bei den meisten Anzeigen nur abends erwünscht waren, beschloss ich, mich für den Morgen auf Studentenwohnheime zu fokussieren.

Inzwischen kam ein Angestellter des Cafés vorbei und fragte mich, ob ich ins Internet gehen wolle. Ich bejahte wahrheitsgemäß und schlich mich ums Eck, wo er mich nicht mehr sehen konnte, das WLAN aber immer noch gut genug war.

Unter den zahlreichen Studentenwohnheimen suchte ich diejenigen mit halbwegs zentraler Lage heraus und rief die angegebenen Nummern an. Die meisten Wohnheime waren erwartungsgemäß ausgebucht. Nur zwei hätten noch freie Zimmer. Aufgrund meiner geringen Verweildauer in Toulouse von nur gut drei Monaten sollte ich allerdings einen Tagestarif von etwa 30 Euro zahlen. Auf den Monat hochgerechnet ist das eine ziemliche Unverschämtheit. In einem Wohnheim konnte man mir auch einen Platz auf Monatsbasis anbieten. Dort sollte ich mit meinen Eltern erscheinen, die eine Verdienstbestätigung sowie die Kontoauszüge der letzten Monate mitbrächten. Auch das erschien mir nicht die wirtschaftlichste Lösung.

Das Thema Studentenwohnheim war damit abgehakt und ich konnte nun den Tipps meiner Vermieterin der letzten Nacht nachgehen. CROUS und CRIJ sind jeweils gemeinnützige Organisationen, die Studenten bzw. Jugendliche grundlegenden Problemlagen wie der meinen unterstützen. Vor allem in letzterem fand ich jede Menge guter Wohnungsanzeigen, bei denen ich allerdings entweder zu spät kam und sich die Eigentümer nicht bereit erklärten, mich für nur drei Monate zu beherbergen. Immerhin gab es eine Tafel mit den Anzeigen des Tages, die nach Auskunft der Dame am Schalter jeden Morgen um zehn aktualisiert würden. Im Anschluss ging ich an die Wirtschaftsuniversität, wo man mir einen Ordner mit Anzeigen gab. Ich notierte fleißig Telefonnummern von zumutbaren Angeboten.

Mittlerweile war es Abend und damit konnte ich die zahlreichen Anzeigen abtelefonieren, die ich im Tagesverlauf gesammelt hatte. Zwei Wohnungen waren noch nicht vergeben und ich könnte sie am gleichen Abend besichtigen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon recht erschöpft. Ich war den ganzen Tag mit meinem Laptop durch die Stadt gerannt und die vielen Absagen, die ich im bis dahin bekommen hatten, wirkten auch nicht unbedingt aufbauend. Ich ging die Treppe der Metro hinab, um zur ersten Wohnungsbesichtigung zu fahren.

Während ich auf den Zug wartete, rief hinter mir ein Mädchen „Olivier! Olivier!“. Ich sah mich um. Am Aussehen konnte ich nicht sofort erkennen, wer da vor mir stand. Es konnte sich aber eigentlich nur um Audrey handeln. Audrey hatte wie ich in Mailand ein Erasmusjahr verbracht und kam aus Toulouse. Ich hatte sie zuvor nicht kontaktiert, weil sie in meiner Erinnerung nach in Paris studierte. Außerdem hatte ich sie nur wenige Male gesehen, weswegen mir ihr Gesicht auch kaum Erinnerung geblieben war. Das skurrile an dieser Situation war, dass mich Audrey bereits während meines ersten Besuchs in Mailand nach der Erasmuszeit in der Jugendherberge erkannt hatte. Wahrscheinlich wird mich die Dame noch öfter in meinem Leben verfolgen. Sie erklärte mir, dass sie mit ihrem Studium bereits fertig sei und nun in Toulouse für Motorola arbeite. Audrey hatte leider auch keine Wohngelegenheit für mich, wir wollten uns aber in den nächsten Tagen einmal treffen.

Als ich bei der Metrohaltestelle in der Nähe der zu inspizierenden Wohnung ankam, bemerkte ich, dass ich mitten in einen Wolkenbruch geraten war. Da ich eine Dreiviertelstunde später schon bei der nächsten Wohnung sein wollte, schob ich Bedenken bezüglich des Laptops in meinem Rucksack beiseite und rannte durch den Regen. Immerhin fand ich die Wohnung auf direktem Weg und kam völlig durchnässt an.

Am Eingang der Wohnung im dritten Stock roch es bereits recht merkwürdig. Die beiden Bewohner hielten sich im Eingang einige Mäuse in Käfigen, die sie anscheinend nicht allzu häufig reinigten. Einer der Bewohner zeigte mir mein Zimmer, das von dem penetranten Geruch der Mäusepisse etwas entfernt war. In dem Zimmer befand sich eine Matratze auf dem Boden sowie ein Schrank. Sylvan erklärte mir, dass sie einen Mitbewohner suchten, der zumindest bis Juni blieben sollte. Seine träge und emotionslose Art deutete auf langjährigen Marihuanamissbrauch hin, dessen Geruch hier in der Wohnung vermutlich in dem der Mäuseexkremente unterging. Manchmal ist es unfassbar, unter welchen Bedingungen Menschen leben können. Da erschien mir selbst der Komfort im panamaischen Urwald noch höher. Für diese Wohnung war ich nun zehn Minuten durch den Regen gelaufen und hatte zudem die Pünktlichkeit bei der nächsten Wohnungsbesichtigung aufs Spiel gesetzt.

Ich rannte zurück zur Metrohaltestelle durch den immer noch anhaltenden Regen. Positiv an den soeben gemachten Erfahrungen war, dass es ab jetzt nur noch aufwärts gehen konnte. In der Metro wies mich ein kleiner Junge darauf hin, dass mein Rucksack offen war. Glücklicherweise war dies wohl erst seit dem Betreten der Metro so und der Laptop damit noch trocken. Ein anderes Mädchen bot mir Tempos an. Der Gesamteindruck, den ich mit meinen klitschnassen Klamotten mit nahezu volltransparentem T-Shirt hinterließ, war zugegebenermaßen suboptimal.

Die nächste Wohnung war näher am Zentrum gelegen und die Dame am Telefon klang auch wesentlich vertrauenserweckender. Ich kam dort mit einer in Frankreich unwesentlichen Verspätung an und rief die Vermieterin nochmals an, damit sie mir die Tür öffnete. Sie meinte, ich sollte hineinkommen, was aber an dem verschlossenen Zustand der Tür nichts änderte. Ich kontrollierte nochmals Straße und Hausnummer und rief erneut an. Die Dame meinte, ich solle einfach hineinkommen. Ein kurzer Blick nach rechts klärte die Situation. Die benachbarte Immobilienagentur hatte dieselbe Hausnummer und die Dame am Schalter hatte soeben mit mir telefoniert. Für Provisionen von Immobilienagenturen war in meinem Budget bei einem dreimonatigen Aufenthalt bestimmt kein Platz und so trat ich die Reise zu der Dame, bei der ich schon die Nacht zuvor verbracht hatte an.

An diesem Mittwoch Abend war ich mit der Gesamtsituation unzufrieden. Ich hatte immer noch den penetranten Gestank der Mäuse in Nase und keine trockene Hose mehr, weil ich fast mein ganzes Gepäck im Bahnhof abgegeben hatte. Außerdem müsste ich bis zum Praktikumsbeginn am Montag noch eine Wohnung finden, einen Mietvertrag abschließen, umziehen, ein Bankkonto eröffnen, das Studententicket für den Nahverkehr und einen Zuschuss für die Wohnung beantragen sowie mich um eine Aufenthaltsgenehmigung kümmern. Voilà.

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One Response to Wohnungssuche Tag zwei – jetzt kann’s nur noch aufwärts gehen

  1. Chris sagt:

    Always look at the bright sight of life:
    * du weißt wo du neue Wohnungsinserate finden kannst
    * hast im schlimmsten Fall eine Möglichkeit für eine Wohnung (recht teuer)
    * kannst dich fließend mit den Leuten verständigen
    * hast schon einen Plan für die nächsten Tage, was zu tun ist.
    * weißt wo du umsonst ins I-Net kommt
    * hast eine Bleibe für deine Suchaktion, die nicht die Preise eines Hotels nimmt

    😉 Chris

    PS: Viel Erfolg

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