Praktikum – Tag 1

Nachdem ich mit den bisherigen Postings der Realität drei Täge hinterherschrieb, boten die verhältnismäßig ereignislosen Tage des Wochenendes nun die Gelegenheit, zur Gegenwart aufzuschließen. Haupthandlungsfelder für Freitag bis Sonntag waren:

– Reinigung und mehrtätiges Auslüften der Wohnung einschließlich der Entsorgung einer nicht unerheblichen Menge an Körperbehaarung, die relativ gleichverteilt in meinem Zimmer zu finden war
– Eröffnen eines Bankkontos, das etwa 75 Minuten in Anspruch nahm („Straight through processing“ gibt’s ja bisher nur am ibi in Regensburg)
– Sozialisierungen mit Deutschen und Spaniern einschließlich Alkoholmissbrauch und Nachtleben
– Einrichten der völlig leeren Wohnung, aus der mein Vorgänger sogar die selbst erworbenen Vorhänge im Zuge seines Umzugs mittransportierte

Nachdem ich damit die wesentlichen Erfahrungen eines Auslandspraktikums in Hinblick auf Belastbarkeit, Selbständigkeit und Kommunikationsfähigkeit schon gemacht hatte, konnte heute mein Praktikum beginnen. Darüber darf man ja eigentlich gar nichts schreiben, weil das, was ich mache, extrem geheim ist. Genauer gesagt soll ich die Gesaltung des Intranets einer Abteilung innerhalb der Siemens Group beleuchten. Mehr kann man aber echt nicht sagen.

Viel interessanter ist ja das ganze Arbeitsumfeld. Als Deutscher plant man ja und bereitet sich deswegen auch vor. So las ich mir am Sonntag einen wissenschaftlichen Text über die Unterschiede zwischen deutscher und französischer Arbeitskultur durch.

Die Franzosen kommunizieren demzufolge implizit, handeln personenbezogen, arbeiten simultan an vielen verschiedenen Sachen, trennen Privat- und Berufsleben nicht und arbeiten mit externalisierten Autoritäten auf Dissensbasis. Das liegt daran, dass Frankreich schon immer zentralistisch regiert wurde, dass Einschleimen am Königshof Grundvoraussetzung für beruflichten Erfolg war und dass der Protestantismus in Frankreich nie richtig Fuß fasste. Dagegen trampeln die Deutschen mit ihrer direkten Art den einfühlsamen Franzosen mit expliziten Fakten, aufgabenbasierter Arbeitsweise und Sachorientierung regelrecht nieder. Als ob man das nicht eh schon geahnt hätte.

Mit so viel internationaler Handlungskompetenz und Sendungsbewusstsein sah ich heute meinem ersten Arbeitstag entgegen. Dabei treffen die zitierten Klischees auf mein Praktikumsumfeld nicht zu, weil Siemens ja zum einen ein deutsches Unternehmen ist, was auch Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation in Frankreich hat und zum zweiten die Mitarbeiter in einer IT-Abteilung vielleicht grundsätzlich schon sachlicher an eine Aufgabe herangehen, als das in anderen Bereichen der Fall ist. So war der erste Tag heute absolut positiv zu beurteilen. Die Mitarbeiter in meinem Umfeld sind alle fähig, motiviert, können Sachen auf den Punkt bringen und lachen teilweise sogar über meine Späße. Die Aufgabenstellung meines Praktikums bringt relativ viel Eigenverantwortung mit sich, so dass ich wohl recht wenig typische Praktikantentätigkeiten erledigen werden muss. Außerdem schmeckt das Essen in der Kantine außerordentlich gut und die in Frankreich ausgeprägte Mitarbeiterorientierung bringt auch Annehmlichkeiten wie kostenloses Ausleihen von Filmen oder Sportangeboten mit sich.

Note:
Falls einer der mitlesenden Siemens-Mitarbeiter der Auffassung ist, dass ich hier schon in unzulässiger Weise Interna preisgegeben hätte, möge man das mir bitte mitteilen.

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