Randgruppen in Toulouse – Teil 1/4: Les SDF – die Obdachlosen

In der hiermit eröffneten vierteiligen Serie sollen einmal die Menschen in den Vordergrund gerückt werden, die sonst nicht im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen.

Verglichen mit deutschen Verhältnissen stellen die Sans-Domicile-Fixe in Toulouse eine verhältnismäßig große Gruppe dar. Anstelle von 350 Euro Hartz IV und einer Sozialwohnung gibt es in Frankreich bestenfalls einen Unterschlupf in einer dedizierten Herberge, die dann auch nur nachts ihre Tore geöffnet hat. So begegnen mir jeden Morgen und Abend in meiner in Bahnhofsnähe gelegenen Straße zahlreiche Menschen, die am Straßenrand um Kleingeld bitten. Öffne ich während des Abendessens das Fenster, kann ich teilweise hochemotionale Unterhaltungen kleiner Gruppierungen lauschen, die es sich vor der Lidlfiliale neben meinem Wohnheim mehr oder weniger bequem gemacht haben.

Dabei handelt es sich keineswegs immer um Menschen, die mit ihrem Gesellschaftsleben weitgehend abgeschlossen haben. So führt Arbeitslosigkeit und Verbindung mit der Wohnungsknappheit Zeitungsberichten zufolge des öfteren dazu, dass ganze Kleinfamilien zeitweise auf der Straße leben und lediglich die Nächte in den oben erwähnten Herbergen verbringen. Andere Obdachlose haben in idyllischer Lage auf der Insel in der Garonne ihre Zelte aufgeschlagen, die aber von Ordnungsmächten wieder geräumt wurden. Der ihnen daraufhin zugewiesene Zeltplatz 5 km nördlich des Stadtzentrums sagte ihnen jedoch nicht zu. Man habe das Recht darauf, im Stadtzentrum zu wohnen, heißt es von Seiten von Obdachlosenverbänden.

Im Vergleich zu deutschen Obdachlosen ist der französische SDF ausgesprochen freundlich. Er grüßt höflich, bevor er nach Kleingeld fragt, und fügt ohne Zynismus auf eine negative Antwort hin ein freundliches „Bonne journée quand même“ (trotzdem noch einen schönen Tag) hinzu. Soviel Kundenorientierung hat mich dazu bewogen, regelmäßig einen Teil meines Baguettes abzutreten. So ein ganzes Baguette, das aus Gründen der Frische innerhalb eines Tages konsumiert werden will, ist sowieso etwas zu viel für einen Auslandspraktikanten.

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Ein kurzer Blick aus dem Fenster

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