Die Crux mit den Geschenken

Samstag, 23. Dezember 2006

In unserer arbeitsteiligen Gesellschaft macht ja jeder am besten das, was er am besten kann. Regelmäßig zur Weihnachtszeit bemerke ich dann, dass das Einpacken von Geschenken bei mir nicht zu diesen Kernqualifikationen gehört. Da versuche ich, Unzulänglichkeiten beim Verpackungsprozess an den innen befindlichen und damit nicht sichtbaren Teilen der Verpackung zu verbergen und bin froh, wenn der Tesa bis zum Auspacken des Geschenks durchhält und die zusammengewurschtelten Stellen nicht zum Vorschein kommen.

In jedem Fall reicht aber meine Realitätswahrnehmung so weit, dass ich meine Tätigkeit des Geschenkverpackens nicht gewerblich anbieten würde. Ganz anders verhielt sich das heute bei einer Angestellten im „Lafayette Maison“ in Toulouse. So hatte die Dame, die vor mir in der Schlange stand und nach außen hin bereits einen eher gestressten Eindruck machte, mit zwei quaderförmige Pflegeartikeln vermeintlich einfache Produkte zum Einpacken abgegeben. Was dann folgte, hätten Mr Bean oder auch ich nicht überzeugender darstellen können.

Zunächst muss man sich ja das Geschenkpapier passgenau zurechtschneiden. Dazu war eine Rolle mit Geschenkpapier vor einen scharfen Abreißbalken (ähnlich wie in einer Packung Frischhaltefolie) aufgehängt. Als auch der dritte Versuch scheiterte, das Papier mit Hilfe dieses Abreißbalkens sauber von der Rolle abzutrennen, erhöhte sich spürbar der Puls der wartenden Dame vor mir. Die Angestellte erkannte, dass sie mit alleiniger Verwendung des Abreißbalkens das Papier nicht sauber abtrennen können würde und schnitt sich mit einer Schere den Teil des Papiers zurecht, der in den bisherigen Abreißversuchen noch nicht eingerissen war. Die so zurechtgeschnitte Fläche war nur viel zu groß für den kleinen quaderförmigen Kosmetikartikel.

Immerhin kam inzwischen eine zweite Angestellte zur Hilfe. Sie beschloss, das zweite Produkt der schnaufenden Kundin zu verpacken, das sich in seinen Ausmaßen kaum vom ersten unterschied. Nach etwa zwei Minuten war dieses zweite Produkt dann verpackt, so dass die neue hinzugekommene Angestellte mein Geschenk verpacken konnte. Indes war der Verpackunsprozess des ersten Pflegeartikels der Dame vor mir immer noch in vollem Gange. Die Angestellte näherte sich mit Hilfe eines Approximationsverfahrens immer näher an die tatsächlich benötigte Fläche an Geschenkpapier an. Dabei griff sie schließlich zu Techniken, die selbst mir etwas zu puristisch sind. So wird das Geschenkpapier über Produkt gelegt und gefaltet. Der an den Rändern überstehende Teil des Geschenkpapiers wird nun im gefalteten Zustand abgeschnitten. Bewegt man nun das Geschenkpapier etwas, so ragt der unter Teile des Randes über den oberen Teil hinaus, was nicht unbedingt optimal aussieht. Durch geschicktes Zukleben der verpfuschten Stellen konnte der Verpackungsprozess dieses ersten Kosmetikartikels nach etwa zehn Minuten dann doch abgeschlossen werden und der Blutdruck der Dame vor mir in der Schlange schien wieder leicht zu sinken.

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Initation à la dégustation

Samstag, 16. Dezember 2006

Wein ist in Frankreich ja total wichtig. Nur leider versteht man als Deutscher nicht allzu viel vom edlen Tropfen. Hier hakte eine kleine Erasmus-Organisation ein, die einen Abend zur Beseitigung önologischer Wissensdefizite zum bescheidenen Preis von neun Euro anbot.

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Konzentriertes Degüstieren

Es gibt drei Wege, um das Wesen eines Weines zu erforschen: Über die Augen, die Nase und den Mund. Man beginnt mit der Nase. Zunächst riecht man am ruhenden Wein und analysiert anschließend, welche Geruchselemente nach dem Durchschütteln des Weines hinzukommen. An dieser Stelle kommt der visuelle Sinn hinzu. Nach dem Durchschütteln lassen sich nämlich die Tränen des Weines erkennen – und je mehr Tränen man sieht, umso mehr Alkohol hat der Wein. Letzte Etappe ist dann der Geschmacksinn. Hier kommt es vor allem darauf an, den Wein lautstark von einem Ende des Mundraums an das andere zu befördern, um dabei nochmals möglichst viele Geschmackstoffe zu reaktivieren. Wichtig ist hierbei vor allem, nicht durch spontanes Lachen, das angesichts der merkwürdigen Geräusche aufkommen kann, den professionellen Gesamteindruck zu trüben.

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Alles da: Wein, Brot zum Neutralisieren des Geschmacks im Mundraum, ein Eimer, der einem die unerwünschte Alkoholisierung durch das Ausspucken erspart, sowie eine Dozentin


Vorsicht, Kunde!

Dienstag, 12. Dezember 2006

Mitarbeiter in Staatsbetrieben gelten ja oft als unmotiviert und wenig kundenorientiert. Dementsprechend hatte ich heute auch keine großen Erwartungen, als ich mich an einem Schalter der französischen Bahn SNCF über Möglichkeiten informieren wollte, an Sylvester günstig nach Barcelona zu gelangen. Der Schalterbesuch war auch erst notwendig geworden, weil die Homepage der französischen Bahn in den kurzen Momenten, in denen sie verfügbar ist, nicht in der Lage ist, eine derartig komplexe Verbindungsanfrage zu bearbeiten. Und ein paar Klicks auf der deutschen Seite liefern zwar nach wenigen Sekunden sämtliche Verbindungen, die allerdings aus verständlichen Gründen ohne Preisangabe ausgegeben werden. Interessanterweise gibt es übrigens lediglich drei brauchbare Verbindungen pro Tag, obwohl Toulouse und Barcelona jeweils die größten Städte in den „Ecken“ der beiden Länder und zudem keine 400 km voneinander entfernt sind.

So stand ich heute vor dem Schalterbeamten der SNCF. Er machte sich noch kurz mit seinem Kollegen über den Kunden vor mir lustig, bis er mir mit einem kurzen Blick signalisierte, dass er mir nun zuhören würde. Als ich ihm sagte, dass ich vor allem wissen wollte, wie teuer die Fahrt nach Barcelona sei, meinte er, dass mich das 50 Euro kosten würde. Auf meine Frage hin, ob das auch für 24-Jährige gelte, korrigierte er auf 40 Euro. Um sicherzugehen, fragte er noch seinen Kollegen, der das Gebot von 60 Euro auf den türkischen Bazar hinzufügte.

Ich bat, eine Verbindung herauszusuchen, um mir eine genaue Preisangabe zu geben. Mit einer gewissen Empörung nahm der Angestellte zur Kenntnis, dass ich seinen Lieblingszug um 7 Uhr morgens nicht nehmen könne und er deshalb nach Verbindungen nach 12 Uhr suchen musste. Während er auf seinen Fingernägeln kaute, scherzte er mit seinem Kollegen und klickte von Zeit zu Zeit auf seinem Bildschirm herum. Nach einiger Zeit fand er eine Verbindung für 16 Uhr, für die es jedoch keine ermäßigten Preise gab. Ich fragte, ob das daran läge, dass die Verbindung teilweise in Spanien sei oder ob es nur ein beschränktes Kontingent von ermäßigten Karte gebe. Der Beamte antwortete mir präzise, dass es keine ermäßigten Fahrkarte gebe, wobei er mir übel nahm, dass ich ihn dabei in seiner Unterhaltung mit seinem Kollegen unterbrach.

Ich ging aufs Ganze und riskierte zu fragen, wie viel die nicht ermäßigte Zugfahrt kostete. Der Beamte musterte meinen ganzen Oberkörper, schnaufte kurz und begann schließlich doch, an seinem Bildschirm herumzuklicken. Nach einiger Zeit nannte er 61,80 Euro als endgültigen Preis. Ich bedankte mich und ging, was wiederum mit einer gewissen Empörung zur Kenntnis genommen wurde. Schließlich hatte der Mitarbeiter nun etwa fünf Minuten für mich seine Maus hin- und herbewegt und ich hatte dennoch nichts gekauft.

Unter dem Eindruck dieser Erlebnisse verstehe ich vor allem nicht, warum die Franzosen so scharf auf Staatsbetriebe sind. So musste Sarkozy, der wahrscheinlichste Präsidentschaftskandidat der Rechten, versprechen, französische Versorgerunternehmen nicht noch weiter zu privatisieren, während die Linke mit dem Versprechen, die bisher verkauften Anteile (mittlerweile zum doppelten Kurs) wieder zurückzukaufen, punkten kann. Solange sich diese Ansichten nicht ändern, bleibt wohl nur die Hoffnung auf eine verbesserte Internetseite der französischen Bahn. Dann müsste ich auch keine Schalterbeamten mehr bei ihrer Arbeit stören.


Preis-Wert

Montag, 11. Dezember 2006

Während meines kurzen Abstechers in Regensburg verbrachte ich zwei Abende im neu eingerichteten Carlitos. Dort bietet man seit Neuem ästhetisch ansprechende Bier-Tower an, bei denen man zum maßvollen Preis von 10 Euro ganze 2,5 Liter serviert bekommt. Auch in Toulouse gibt es gelegentlich Bier im Großformat zum ermäßigten Preis. Für 10 Euro erhält man dort allerdings je nach Laune des Barkeepers zwischen 1,2 und 1,5 Liter Gerstensaft. Da stellt sich doch eine Frage: Wo geht das ganze Geld hin?

Die Grundstückspreise sind in Toulouse sicherlich höher als in Regensburg. Den doppelten Literpreis würde das allerdings nur rechtfertigen, wenn die Mieten in Toulouse doppelt so hoch wären wie in Regensburg und die Kosten für den Gastronomiebetrieb zu 100% aus der Miete bestehen. Beides trifft wohl nicht zu. Die Antwort findet man nicht auf der Angebots-, sondern auf der Nachfrageseite. Dort erwirbt der Franzose das Bier weniger mit dem Ziel der Alkoholisierung oder des Durstlöschens – wie in Bayern vereinzelt anzutreffen -, sondern eher um in einen Abend in einem bestimmten Ambiente zu verbringen. Dabei spielt der von Deutschen sorgsam kalkulierte Literpreis freilich eine geringere Rolle. Eine zweite Erklärung liegt in der positiven Nutzenkompenente eines höheren Preises, die in Frankreich eine größere Rolle spielt als in Deutschland. In einem Land mit größeren sozialen Unterschieden, in dem zudem seit Ludwig XIV der Erwerb von Anerkennung durch das Gesellschaftsleben eine tragende Rolle spielt, ist demzufolge einer weitaus größere Masse daran gelegen, die gewünschte Position in der Gesellschaft durch die höheren gezahlten Preise bestätigt zu wissen. Man zahlt also für einen Wert, der durch den Preis erst geschaffen wird.


Französische Katalanen

Montag, 4. Dezember 2006

Dass man in der spanischen Region Katalonien am liebsten so unabhängig wie möglich von Madrid sein will, ist bekannt. Doch wie sieht die Lage im dem Teil Kataloniens aus, der seit etwa 400 Jahren französisches Staatsgebiet ist? Eine Bildungsreise mit Erasmusstudenten bot Gelegenheit, die Situation sprachlicher Minderheiten in Frankreich näher zu beleuchten.

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So ist es korrekt. Europäische, französische und katalanische Flagge in Collioures.

In einem Strandort im Dezember Menschen anzutreffen, ist gar nicht so einfach. So mussten wir erst erfolglos einige der schmalen Gassen Collioures durchsuchen, ehe wir auf einem staubigen Platz ältere Menschen beim Boules-Spiel antrafen. „Parla catalá?“, fragte ich mehrfach, bis am anderen Ende des Platzes fündig wurde. Der Herr war gleichermaßen erfreut wie belustigt darüber, dass sich ein Ausländer für die Verbreitung dieser Sprache interessierte und erzählte mir, dass in diesem Ort wohl ein Viertel der Bevölkerung Katalanisch spreche. Erwartungsgemäß handle es sich hierbei vorwiegend um ältere Menschen. Da hier Katalanisch lediglich in gesprochener Form existierte, fügte er noch hinzu, dass es seiner Ansicht zufolge sehr schwierig sei, Katalanisch zu schreiben. Manche Ausdrücke, die ich verwendete, kannte er nicht, was wohl auf unterschiedliche Versionen der Sprache wie auch in Barcelona, Valencia und auf Mallorca (sprich: Maljorka) zurückzuführen ist.

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Wo man auch hingeht, ein paar Deutsche trifft man ja immer.

Damit war die Bildungsmission der Reise erfüllt und man ging zu entspannenden Tätigkeiten über. Dazu konnte man nach einer kleinen Feier in der Unterkunft tags darauf in Burgen auf den Spitzen der Pyrenäen Kraft tanken und in der wärmenden Dezembersonne den Thunfisch der italienischen Reiseteilnehmer konsumieren.

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Ausgelassene Stimmung auf der kleinen Feier in der Jugendherberge.

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Der weitere Verlauf des Abends war unscharf.

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Picknick mit Burg und T-Shirt