Vorsicht, Kunde!

Mitarbeiter in Staatsbetrieben gelten ja oft als unmotiviert und wenig kundenorientiert. Dementsprechend hatte ich heute auch keine großen Erwartungen, als ich mich an einem Schalter der französischen Bahn SNCF über Möglichkeiten informieren wollte, an Sylvester günstig nach Barcelona zu gelangen. Der Schalterbesuch war auch erst notwendig geworden, weil die Homepage der französischen Bahn in den kurzen Momenten, in denen sie verfügbar ist, nicht in der Lage ist, eine derartig komplexe Verbindungsanfrage zu bearbeiten. Und ein paar Klicks auf der deutschen Seite liefern zwar nach wenigen Sekunden sämtliche Verbindungen, die allerdings aus verständlichen Gründen ohne Preisangabe ausgegeben werden. Interessanterweise gibt es übrigens lediglich drei brauchbare Verbindungen pro Tag, obwohl Toulouse und Barcelona jeweils die größten Städte in den „Ecken“ der beiden Länder und zudem keine 400 km voneinander entfernt sind.

So stand ich heute vor dem Schalterbeamten der SNCF. Er machte sich noch kurz mit seinem Kollegen über den Kunden vor mir lustig, bis er mir mit einem kurzen Blick signalisierte, dass er mir nun zuhören würde. Als ich ihm sagte, dass ich vor allem wissen wollte, wie teuer die Fahrt nach Barcelona sei, meinte er, dass mich das 50 Euro kosten würde. Auf meine Frage hin, ob das auch für 24-Jährige gelte, korrigierte er auf 40 Euro. Um sicherzugehen, fragte er noch seinen Kollegen, der das Gebot von 60 Euro auf den türkischen Bazar hinzufügte.

Ich bat, eine Verbindung herauszusuchen, um mir eine genaue Preisangabe zu geben. Mit einer gewissen Empörung nahm der Angestellte zur Kenntnis, dass ich seinen Lieblingszug um 7 Uhr morgens nicht nehmen könne und er deshalb nach Verbindungen nach 12 Uhr suchen musste. Während er auf seinen Fingernägeln kaute, scherzte er mit seinem Kollegen und klickte von Zeit zu Zeit auf seinem Bildschirm herum. Nach einiger Zeit fand er eine Verbindung für 16 Uhr, für die es jedoch keine ermäßigten Preise gab. Ich fragte, ob das daran läge, dass die Verbindung teilweise in Spanien sei oder ob es nur ein beschränktes Kontingent von ermäßigten Karte gebe. Der Beamte antwortete mir präzise, dass es keine ermäßigten Fahrkarte gebe, wobei er mir übel nahm, dass ich ihn dabei in seiner Unterhaltung mit seinem Kollegen unterbrach.

Ich ging aufs Ganze und riskierte zu fragen, wie viel die nicht ermäßigte Zugfahrt kostete. Der Beamte musterte meinen ganzen Oberkörper, schnaufte kurz und begann schließlich doch, an seinem Bildschirm herumzuklicken. Nach einiger Zeit nannte er 61,80 Euro als endgültigen Preis. Ich bedankte mich und ging, was wiederum mit einer gewissen Empörung zur Kenntnis genommen wurde. Schließlich hatte der Mitarbeiter nun etwa fünf Minuten für mich seine Maus hin- und herbewegt und ich hatte dennoch nichts gekauft.

Unter dem Eindruck dieser Erlebnisse verstehe ich vor allem nicht, warum die Franzosen so scharf auf Staatsbetriebe sind. So musste Sarkozy, der wahrscheinlichste Präsidentschaftskandidat der Rechten, versprechen, französische Versorgerunternehmen nicht noch weiter zu privatisieren, während die Linke mit dem Versprechen, die bisher verkauften Anteile (mittlerweile zum doppelten Kurs) wieder zurückzukaufen, punkten kann. Solange sich diese Ansichten nicht ändern, bleibt wohl nur die Hoffnung auf eine verbesserte Internetseite der französischen Bahn. Dann müsste ich auch keine Schalterbeamten mehr bei ihrer Arbeit stören.

One Response to Vorsicht, Kunde!

  1. Martin sagt:

    Das sind doch immer die Momente, in denen man deutsche Gründlichkeit und Verlässlichkeit zu schätzen beginnt. Stell dir mal vor du würdest in dieser Situation nicht perfekt Französisch sprechen. Dann hättest du wohl keine Chance ein Ticket zu kaufen, es sei denn es gibt in unserem Nachbarland schon Fahrkartenautomaten. 😉

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