Auf den Spuren der Außenwirkung

In Zeiten des Web 2.0 braucht man sich dank des Studiverzeichnisses glücklicherweise keine Sorgen mehr darüber zu machen, dass die nichtstetigen Punkte der persönlichen Zeit-Alter-Funktion keine Beachtung finden, so dass ich hier gelassen von meinem Wochenendausflug nach Bordeaux berichten kann. Dank der Unterbringung durch Erasmusbekannte brachte das Wochende neben der touristischen Nutzlast vor allem den soziokulturellen Feinschliff mit sich, der zum Ende meines Aufenthalts in Frankreich hin ganz klar nicht fehlen durfte.

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Hier freut sich Felix, deutscher Siemenspraktikant und passionierter Mitreisender, zurecht: Kaum hat man ein Stück Kunststoff in der Galette (Kuchen) entdeckt, wird man zum König gekrönt.
So empfing uns in Bordeaux mit Alban und Kriszta aus Ungarn die intellektuelle Crème de la Crème meiner Mailänder Erasmusbekanntschaften sowie das erste Pärchen, für das eine Erasmusbekanntschaft letztlich in einer Ehe enden wird. Wir wurden mittags mit ungarischem Birnenschaps, Kartoffelauflauf, Bordeaux-Wein und – dem Dreikönigstag ensprechend – Kuchen versorgt und hatten damit den Restalkohol des Vorabends wieder erfolgreich aufgewärmt. Damit waren wir bereit für eine Stadtbesichtigung, in der sich Bordeaux als wesentlich bürgerlicher als das heiße Pflaster Toulouse herausstellt.

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Sandsteinfarbene Häuser am anderen Ende der weiten Garonne. Die dunklen Abschnitte der Pfeiler lassen erkennen, dass die Garonne den Gezeiten des Atlantiks folgt und deshalb mal höher, mal tiefer steht und mal in die eine, mal in die andere Richtung fließt.

In meiner Zeit in Mailand hatte ich öfter Franzosen getroffen, die kaum ein Wort Deutsch sprachen, dennoch aber regelmäßig zackigen Ausrufen von „Achtung!“, „Schnell!“ und „Jawohl!“ elementare Bestandteile deutscher Alltagssprache parat hatten. Außerdem fragte mich einmal ein Franzose, ob wir in Deutschland öfters beim Frühstück mit unseren Stühlen tanzten. Wie ich an diesem Abend herausstellte, war Louis de Funes an diesen beiden Umständen schuld. „La grande vadrouille“ (Die große Sause) ist nach Meinung unserer Gastgeber ein Film, der zur französischen Allgemeinbildung gehört, und so sahen wir uns das Schicksal drei englischer Bruchpiloten im von den Deutschen besetzten Paris des zweiten Weltkrieges an. Neben wiederholtem „Achtung!“ und „Schnell!“ fand sich in diesem Film auch der berüchtigte Frühstückstanz mit Stuhl wieder, der von uns Deutschen ja sehr geschätzt wird.

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Vor dem Filmstündchen wurden wir von Kriszta mit einem original-ungarischem Letscho versorgt. Prädikat: Hammer.

Am Sonntag fiel uns ein, dass man nicht in Bordeaux gewesen sein kann, ohne die Atlantikküste gesehen zu haben. Auch hier holte uns unsere Vergangenheit ein. Die Betonbauten, die sich stark konzentriert an einigen Strandabschnitten finden, sind nichts anderes als deutsche Bunker aus dem zweiten Weltkrieg. Wir beschlossen, als wahres Zeichen deutsch-französischer Versöhnung Baguette mit Käse und Wurst auf einem der Bunker zu essen. Wenn das die Väter der Römischen Verträge noch mitkommen hätten.

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Deutsche Relikte mit französischer Jugendkunst verziert an der Atlantikküste
Wir lauschten noch ein wenig den hohen Wellen und begaben uns anschließend völlig überwältigt von so viel Gastfreundschaft auf den Heimweg. Im TGV saßen wir einer Lehramt-Mathematik-Studentin gegenüber, die ihrer Aussage zufolge nur weibliche Kommilittoninnen an ihrer Uni in Toulouse hatte. Wie sehr sich doch manchmal unsere beiden Länder unterscheiden…

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Ebbe mit Alban, Kriszta, Felix und dem Erasmus-Olli.

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One Response to Auf den Spuren der Außenwirkung

  1. Stefan sagt:

    Ich sag es ja immer wieder: ihr seid beides Schlingel!!! Klingt nach einem sehr gelungenen und impulsanten Ausflug, da könnte ich ja direkt neidisch werden ;-(

    Na dann genießt die Zeit im fernen Toulouse noch. Vorallem überarbeitet euch nicht!!!

    Ciao,
    Stefan

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