Rückzug auf Raten

Nach einem Wettlauf soll man ja nicht sofort stehen bleiben oder sich gar ins Gras legen, sondern langsam auslaufen, um bereitstehende Energien noch zu verbrauchen. Dementsprechend begab ich mich nach Abschluss meines Praktikums auch nicht direkt nach Deutschland, sondern rastete in Paris noch zwei Tage bei Erasmusbekannten. Diese schleusten mich samt meiner 56 kg Gepäck nach meiner Ankunft Samstag um 22h direkt ins Pariser Nachtleben.  Wir  landeten in einer Bar, in der wiederholt „Joyeux Anniversaire“ (altbairisch: Happy Birthday) gesungen wurde und im Anschluss die Geburtstagskinder mit Pudding versorgt wurden. Ich offenbarte der versammelten Mannschaft, dass auch ich vor etwa zwei Wochen Geburtstag hatte und erhielt nach dem Ständchen meinen wohl verdienten Sahnepudding.

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Kulinarische Highlights und schmutzige Objektive im Pariser Nachtleben.

Mit diesem Abend waren soziale Pflichten danne erfüllt, so dass man sich am Sonntag endlich die Stadt ansehen konnte. Nicolas, ursprünglich aus Lille, nun aber Vertreter bei einem Milchkonzern, bot mir ein Dach über dem Kopf und zeigte mir noch dazu die Stadt.

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Touristenansturm vor Sacré Coeur

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Hier wurde wohl der Großvater von Sophie Neveu ermordet.

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Auch der Eifelturm stand glücklicherweise noch.

Montags stand Versailles auf dem Programm. Wie viele große Sehenswürdigkeiten blieben auch die Pforten dieser königlichen Bleibe montags verschlossen. Damit hatte ich einen ganzen Vormittag Zeit, um einsam durch die Schlossgärten zu flanieren. Bemerkenswert war vor allem, wie viele Franzosen bei 4 Grad dort mit kurzer Hose joggten oder sogar Rad fuhren.

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Hier blieben die Eingangstüren geschlossen.

Der Auslöser für den Versailles-Besuch war vor allem Maud. Sie hatte auch mit mir zusammen Erasmus in Mailand verbracht und arbeitete und lebte in Versailles. Am Vortag hatte sie per SMS vorgeschlagen, sich um 12.20h zum Mittagessen zu treffen. Ich schickte eine Bestätigungskurzmitteilung, rief dann aber um 12h dennoch nochmals bei ihr an. Hier ein Auszug des Gesprächs:

Maud: Allo.
Erasmus-Olli: Salut Maud, c’est Oliver. Ca va?
Maud: Oliver, c’est toi! Oui, ca roule et toi?
Erasmus-Olli: Ca va très bien. Ecoute, tu viens à manger?
Maud: Mais non, je dois travailler.
Erasmus-Olli: Ah bon?
Maud: Oui, je suis au travail. Tu es où?
Erasmus-Olli: Au château de Versailles. Donc tu  viens pas?
Maud: Non, je peux pas.
Erasmus-Olli: C’est dommage.
Maud: T’es à Paris jusqu’à quand?
Erasmus-Olli: Je pars ce soir.
Maud: Donc, on se voit la prochaine fois que tu viens à Paris.
Erasmus-Olli: Ah oui… Donc à la prochaine fois.
Erasmus-Olli: (pensant) Mais quelle saloppe. D’abord, elle m’envoie un message pour me dire qu’on va déjeuner ensemble. Moi, je conferme et je l’appelle quand même 20 min avant le rendez-vous et elle me dit qu’elle ne peut pas parce qu’elle doit travailler. Elle ne savait pas ca avant? Et en plus elle ne m’a pas appele pour me dire qu’elle ne viendrait pas… Quelle conasse…
10 Minuten später wurde Erasmus-Olli angerufen. Es war Maud. Hier wiederum ein Auszug des Gesprächs:

Erasmus-Olli: Maud?
Maud: Oui, salut Oliver, ca va?
Erasmus-Olli: Oui, ca va toujours. Toi?
Maud: Ca va bien. Je t’appelle pour te dire que je vais être au château dans 10 min. Donc on se retrouve devant?
Erasmus-Olli: Ehhh … oui. Moi, je t’attends.
Maud: A plus.
Erasmus-Olli: A plus.

Nun. Was mir erst während des zweiten Gesprächs klar wurde, war, dass ich wohl die falsche Maud angerufen hatte. In Mailand gab es nämlich zwei von der Sorte. Die Gesprächsteilnehmerin des ersten Anrufs dürfte sich wohl heute noch wundern, was mein merkwürdiger Anruf sollte. Da frage ich sie einfach so, ob sie in 20 Minuten mit mir in der Nähe von Versailles essen gehen will. Die richtige Maud erschien dann pünktlich vor dem Schloss und wir konnten in gepflegtem Ambiente einen Döner mit Messer, Gabel, Servietten und Wasserkaraffe konsumieren.

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V.r.n.l.: Ehemalige Erasmusstudenten bei der Mittagspause bzw. beim blöden Grinsen in touristischer Mission

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Zweimal Erasmusstudent a.D. und Milch-Verter mit Dienstwagen.

Am Montag Abend war dann auch dieser Ausflug viel zu schnell zu Ende. Ich stieg in meinen Nachtzug und traf dort auf ein australisches Pärchen, das gerade seine Surfausrüstung in den Zug lud. Sie hatten einen Aufenthalt in Chile hinter sich und waren von den niedrigen Temperaturen in Europa sichtlich gezeichnet. Noch dazu war in dem deutschen Nachtzug die Heizung ausgefallen. Kevin erzählte mir unter seiner Wollmütze, dass er noch nie in seinem Leben Schnee gesehen habe und sich nun auf Österreich freue.

Am nächsten Morgen standen wir wieder vor dem Fenster im Gang des Zuges. Mittlerweile hatte sich eine kleine Schneedecke über Südbayern gelegt und Kevin bewunderte die Schönheit der mit Schnee bedeckten Gleise und Bahn-Baracken, während er in seine Wollhandschuhe nieste. Nun war ich also wieder in Bayern – Nachtzüge ohne Heizung, graue Bahnbaracken und Touristen mit eingetrübter Realitätswahrnehmung. Da ist es doch an der Zeit, mal wieder ein bayerisches Bier zu trinken.

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One Response to Rückzug auf Raten

  1. Ji sagt:

    Doch mühelos die Seite gefunden, schön.

    So sieht also louvre aus, leer? Am Montag? Den von Ieoh Ming Pei entworfenen „Glassarg“ würde ich gern einmal näher anschauen können. Vielleicht findet man dort doch eine Spur von Maria. In diesem Sinne müsste ich in Paris noch eins tun, also notre dame besuchen und Glocke von einem armen Kerl zuhören, dessen Namen ich nur in seiner unvollstellbaren Fremdsprache kenne.

    Der Konfuzius hat gesagt, man reist Tausend Meile wie man Tausend Bücher liest. Also ich würde behaupten, man wiederholt manchmal die Bücher, die man gelesen hat.

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