Top 10

Freitag, 19. Januar 2007

Heute war der letzte Tag meines Prakikums – Zeit, Bilanz zu ziehen. In Satirekreisen besonders beliebt ist in diesem Kontext eine Top 10. Hier die zehn deutlichsten Anzeichen für einen gelungenen Abend im französischen Nachtleben der letzten drei Monate:

10. Man hat sich Luigi gegenüber als Mario ausgegeben.
9. Am nächsten Morgen fällt einem ein, dass man den Mexikaner bereits drei Wochen zuvor kennengelernt hatte und ihm auch dieselbe Geschichte wie am Vorabend erzählt hatte.
8. Man hat im Nachtleben Bekannte entdeckt, von denen man gar nicht wusste, dass sie in der Stadt lebten, in der man sich gerade aufhielt.
7. Man stellt am nächsten Morgen beim Blick auf das Handy fest, dass man einer Radtour zugesagt hat, die in zehn Minuten beginnt.
6. Die Tanzpartnerin verabschiedet sich nach einigen Minuten mit dem Hinweis, generell auf Frauen zu stehen.
5. Man hat im Aufzug „Time to drück auf drei“ mit der Melodie eines Klassikers von Andrea Bocelli in Konzertlautstärke zum Besten gegeben.
4. Der Weg vom Bett ins Bad ist nur mit äußerster Geschicklichkeit passierbar, ohne leere Getränkeflaschen umzustoßen.
3. Man kriecht um fünf Uhr morgens auf allen Vieren zwischen Matratzen umher auf der Suche nach einer Wasserquelle zur Brandbekämpfung.
2. Man hat im Laufe des Abends Alkohol auf der Straße gefunden und auch konsumiert.
1. Man wird mitten im Schlaf gebeten, doch ein anderes Bett zu benutzen.

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Randgruppen Teil 4/4: Die Erasmus-Studenten

Freitag, 19. Januar 2007

Aufmerksamen Lesern dieses Blog wird es nicht entgangen sein: Der vierte Teil der Serie über Randgruppen stand noch aus. Als seriöser Weblog-Verfasser musste ich nunmal zunächst hinreichend fundiertes Material finden, um hier auch keine Halbwahrheiten zu verkünden. Aus diesem Grund fand ich mich am Dienstag um 22 Uhr mit zwei weiteren Praktikanten in der sympathischen Kneipe „La Soûle“ („Die Betrunkene“) zu einem vermeintlichen Erasmusabend ein. Als um Mitternacht immer noch keine Erasmusstudenten eingetroffen waren, sah ich den journalistischen Auftrag schon stark gefährdet. Wir verabschiedeten uns voneinander und gingen getrennte Wege.

Kurs vor Ankunft an meinem Wohnheim kreuzten drei schlecht Französisch sprechende junge Damen meinen Weg. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass die Gruppe auf dem Weg zu einer vergleichsweise spektakulären Erasmusfeier war und ich beschloss, den Damen zu folgen. Kurze Zeit später erschienen mir persönlich bekannte Italiener vor dem Eingang, mit denen zusammen ich noch kurz ihren Rest an Wodka degüstierte, bevor wir die Disco betraten. Drinnen dann das übliche Erasmusleben: Alkoholkonsum ohne konsequente Zielorientierung, erfolgreiche wie erfolglose Annäherungsmanöver zwischen Männlein und Weiblein und die Erfahrung, dass man viele der Anwesenden schon bei vorigen Erasmusfeten kennengelernt hat, sich aber wegen verschärfter Alkoholisierung oder mangels Inhalt der Unterhaltungen an selbige nicht mehr erinnern konnte. Das zog sich dann bis drei Uhr hin, bevor ich als pflichtbewusster Praktikant in Richtung Wohnheim aufbrach.

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Großzügige Italiener vor der Diskothek Mr Carneval

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Man sieht ganz deutlich, dass einige Franzosen auch was Kleidung betrifft einen guten Geschmack haben.


Exkurs: Freudiger Empfang des Beaujolais Primeur

Freitag, 17. November 2006

Während politisch Interessierte gestern das Rennen um die Kandidatur der Sozialisten für den Präsidentschaftswahlkampf 2007 verfolgten, beging Frankreichs Jugend einen nunmehr traditionsreichen Ritus. Erst ab dem dritten Donnerstag im November darf reinen Gewissens einer der übelsten Tropfen der französischen Weinproduktion konsumiert werden: der Beaujolais Primeur. Der fruchtige Wein sorgt zwar für verstimmte Geschmacksnerven und überdurchschnittlich ausgeprägte Kopfschmerzen schon am Abend des Verzehrs; immerhin ist damit aber ein halbwegs legitimer Anlass zum öffentlichen Umtrunk gefunden.

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Der Kollege stolz mit der teuer erstandenen Flasche des edlen Tropfens

So findet man sich in Toulouse auf der zentralen Place St. Pierre ein und schunkelt sich in bester Oktoberfestmanier auf nicht abgesperrten Straßen durch den Abend. Begleitet von feiner Blasmusik fällt es leicht, mit fremden Menschen völlig ungezwungen ins Gespräch zu kommen. Zu den Klängen von „Griechischer Wein“ schwebt man lasziv auf der Straßenbeschilderung und ist sich dabei wohl der wahren Aussage des Liedes nicht bewusst. Man stelle sich nur vor, auf der Wiesn würde englisches Bier musikalisch angepriesen.

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Die gelungene Kommunikation mit der amerikanisch Gymnasialassistentin wird durch die bekannte Ackermann-Geste mit zwei der sechs Finger verdeutlicht.

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Zur Auflockerung fährt von Zeit zur Zeit ein Auto durch die Menschenmassen. Die Idee einer Straßenabsperrung erschien den Behörden wohl abwegig.

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Man erkennt es kaum, weil die Jacke die Sicht verdeckt: Die Parkplätze am Capitole waren bereits alle belegt.


Auf bekannten Pfaden

Freitag, 3. November 2006

Um den Anschluss ans Toulouser Gesellschaftsleben nicht zu verlieren, gingen wir am Donnerstag auf die Abschiedsfeier zweier deutscher Praktikantinnen. Als wir den Innenhof des Zielorts betraten, bemerkten wir, dass dieser dem Ort des Warm-Ups zur Halloween-Feier zwei Tage zuvor verdächtig ähnlich sah. Da wir uns an die genaue Wegfindung vom Dienstag nicht mehr erinnerten, halfen nur harte kriminaltechnische Methoden, um die Identität der Orte festzustellen. Was eignet sich da in Toulouse besser als ein Vergleich von Hundestuhlproben. Untenstehendes Foto beweist: Wir waren am gleichen Ort wie zwei Tage zuvor.

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Die Treppe vor dem Wohnungseingang am Tag der Halloweenfeier.

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Um zum Vergleich die Treppe vor der Wohnung der Feier am Donnerstag. Man bedenke, dass Franzosen in der Regel keine Hausschuhe tragen, wenn sie ihre Wohnung betreten.

Der Abend verlief im Wesentlichen unspektakulär. Ich eroberte durch die wiederholte Benutzung ausgefeilten Vulgärvokabulars rasch das Herz eines Italieners, der sogleich die Idee bekam, Stefan, den für meine hiesige Sozialisierung verantwortlichen Siemenspraktikanten, als Köder zu missbrauchen. „Mandiamo davanti il bello e dopo veniamo noi le bestie“, meinte er zielsicher. Eine adäquate Übersetzung dieser Aussage kann hier eingesehen werden, wobei ich angesichts des Ideenklaus bei diesem Gags abermals aufden Veteranen der gepflegten Intersatire hinweisen möchte. Mangels einer deutsch-italienischen Übersetzung muss der Text übrigens zunächst ins Englische übersetzt werden, um anschließend deutsch angezeigt zu werden.

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Positiver Anklang auf der Halloween-Feier

Mittwoch, 1. November 2006

Nachdem kürzlich Konkurrenzblogs Schreckliches zum Thema Halloween zeigten, war es an der Zeit nachzuziehen. Auch in Frankreich feiern junge Leute mittlerweile Halloween. Uns zog zu einer Feier, die von Airbus-Praktikanten veranstaltet wurde und dementsprechend international besetzt war. Der Abend war ein Erfolg auf der ganzen Linie. Zahlreiche junge Menschen reagierten offen auf meine Annäherungsversuche, was die untenstehenden Fotos eindrucksvoll belegen.

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Durchbruch

Donnerstag, 26. Oktober 2006

Nachdem ich gestern mangels Themen hier schon zum Besuch in Toulouse aufgefordert hatte, begab ich mich gelangweilt in den Aufzug mit dem festen Vorsatz, acht Stunden zu schlafen. Im Aufzug traf ich einen Spanier an, mit deren Gruppe ich bereits vor anderthalb Wochen ausgegangen war. Er meinte, sie würden sich jetzt auf einem Zimmer noch aufwärmen und später auf eine Erasmusfete gehen.

Ich ging interessehalber mit und traf im Zimmer die übliche Runde ausländischer Wohnheimsalkoholiker an. Victor aus der französischen Schweiz meinte, man würde in Kürze zu der nicht allzu weit entfernten Disko aufbrechen. Es war bereits elf und ich musste am nächsten Tag ja arbeiten. Dennoch bin ich hier ja im Ausland, muss mich aus dem Mission-Statement des Aufenthalts heraus auch geringfügig danebenbenehmen und beschloss, der versammelten Mannschaft auf die Erasmusparty zu folgen.

Im Gegensatz zu letztem Samstag war ich dieses Mal noch artikulationsfähig und begann recht bald, mit maximaler Kontaktagression Erasmusstudenten anzusprechen. Im dritten unqualifizierten Kommunikationsversuch hatte ich schließlich Erfolg. Alexander aus Belgien stellte mich gleich seinen belgischen und mexikanischen Freunden und Freundinnen vor, die im weiteren Verlauf unkontrolliert in meinem Einzugsbereich herumtanzten. Außerdem verwies er mich auf ein weiter hinten stehendes Mädchen, das aus Katalonien kam.

Das war eine gute Gelegenheit, um mein Katalanisch wieder aufzufrischen. Die gute Dame war zunächst überrascht darüber, ihre Muttersprache zu hören, erkannte aber bald, dass ihre anfängliche Euphorie doch unbegründet war und ich über ein paar Lebensweisheiten nicht hinauskommen würde.

In der Zwischenzeit hatten sich ein paar Spanierinnen angenähert. Eine Dame erzählte mir, sie käme aus Asturien. Ich hatte im Juli Fremdenführer für zwei Mädchen aus Asturien gespielt und wusste deshalb, dass man dort die Verniedlichungsform nicht mit „ito/a“ sondern mit „ino/a“ bildet. Das war die Gelegenheit für einen intellektuell anspruchvollen Scherz. Ich fragte sie, ob „pagina“ (Seite) dann die asturianische Verniedlichungsform von „paja“ (Stroh, männliche Masturbation) sei. Sie verstand meine Gedankengänge nicht und macht sich in einem unaufmerksamen Moment meinerseits elegant aus dem Staub.

Es folgten noch Annäherungen an weitere französische und ausländische Studenten, bis ich um 1.30h das bunte Treiben verließ. Man kann diesen Abend im Nachhinein als Durchbruch meiner Zeit in Toulouse bezeichnen. Jetzt sind die Kontakte zu einem Teil der Erasmusstudenten geknüpft, auf denen man aufbauen kann. Einen anderen Teil hat man bereits erfolgreich verschreckt und wird damit zumindest in Erinnerung bleiben.

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Dezente Kennenlernversuche im Toulouser Nachtleben


Serata italiana

Dienstag, 24. Oktober 2006

Audrey, die Französin aus meiner Mailandzeit, lud mich heute zu einem italienischen Abend ein. Ich kam pünktlich um 19.30h in einem kleinen Café an. Der Kellner verwies mich an einen Tisch, an dem bereits vier Leute saßen. Das war gemessen an Uhrzeit und Kulturkreis bereits verdächtig viel. Tatsächlich kamen die Damen und Herren mittleren Alters aus Frankreich und Deutschland, waren aber am Austausch mit Italienern interessiert. In den folgenden Minuten gesellten sich weitere Franzosen sowie ein Italiener, der bereits seit 40 Jahren in Frankreich lebt, zu uns.

Eine der Französinnen, die neben Audrey noch zu uns stieß, hatte ebenfalls mit mir in Mailand studiert. Sie war mir als weder besonders sympathisch noch als hübsch in Erinnerung und so hatte ich wohl inzwischen auch schon verdrängt, dass sie ebenfalls aus Toulouse kam. Ich erinnerte mich dunkel, dass sie mir einmal ihre Handynummer gegeben hatte, die ich allerdings nie gespeichert hatte, weil ich ihren Namen jedes Mal aufs Neue wieder vergaß. Dieses Mal gab sie mir glücklicherweise ihre Nummer auf einem Zettel samt ihrem Namen, so dass mir umständliche Manöver zum versteckten Eingeben eines Alibinamens in mein Handy erspart blieben.

Alles in Allem war der Abend äußerst flau. Man war sich – wie eigentlich bei jedem Zusammentreffen mit Franzosen – darin einig, dass Sprachdidaktik nicht zu den Stärken der Franzosen gehört. Ähnlich spektakuläre Themen waren Rundreisen in Slowenien, Devisenaustausch in der Slowakei sowie Ratten als sizilianische Delikatesse.

Nach zwei Wochen lässt sich feststellen, dass es hier etwas schwieriger ist als Mailand, internationale Freunde zu finden. Die bisher hochkarätigste Chance zum Kennenlernen von Erasmusstudenten hatte sich bei einer Erasmusfeier am Samstag geboten. Infolge von zu intensivem TGV-Konsum waren aber anscheinend keine brauchbaren Unterhaltungen zustande gekommen. Mehr über den Durchbruch bei meiner hiesigen Sozialisierung gibt es hoffentlich demnächst von dieser Stelle.