Surprise à Montpellier

Sonntag, 29. Oktober 2006

Die Wettervorhersage für das Wochenende war günstig und die bisherige Arbeitsproduktivität im Praktikum derart hoch, dass ich Freitag der Arbeit fernblieb und nach Montpellier fuhr. Von Montpellier hatten schon viele Leute Positives berichtet, was aber nicht zwingend viel bedeuten muss, da man generell und vor allem bei Auslandsaufenthalten zur massiven Dissonanzreduktion neigt.

Erste Station in Montpellier war der Strand. Schließlich ist das gepflegte Sonnenbad am Mittelmeer teutonische Kernkompetenz. Bei 21 Grad Wassertemperatur plantschten Stefan (ein weiterer Siemens-Praktiktant) und ich verspielt unter der milden Oktobersonne und waren dabei auch ziemlich alleine. Als es allmählich dunkel wurde, brachen wir zu unserer Jugendherberge auf.

img_1675.JPG
Entspannte Stimmung in der milden Oktobersonne

Wir teilten uns unser 10-Bett-Zimmer unter anderem mit einem 38-jährigen Tunesier, der auf der Suche nach einem Lebensunterhalt Montpellier nach Arbeitsplätzen und finanzstarken Frauen abgraste. Auf seine Bitte hin lasen wir ihm einen Flyer zu einer Ü30-Party vor, den er auf der Straße gefunden hatte. Er war trotz seines ungepflegten Erscheinungsbilds und seiner sehr fortgeschrittenen Alkoholisierung zuversichtlich, auf dieser Feier die Herzen zahlungskräftiger Damen für gewinnen zu können.

Wir tranken einige Flaschen Wein und machten uns ins Nachtleben auf. Dazu sprachen einige der 60.000 Studenten in Montpellier an. Zwei Mädels nahmen uns mit in ein Tanzlokal, in dem bereits zu dieser frühen Stunde ausgelassen getanzt wurde. Wir ließen uns von der Stimmung mitreißen und verließen das Lokal erst nach ein Uhr, um zu unserer Jugendherberge zurückzukehren, die bereits um zwei Uhr ihre Tore schließen würde. Wir waren recht zufrieden mit dem Abend und insgeheim auch froh, durch die Sperrstunde mit gutem Gewissen schon so früh ins Bett gehen zu dürfen.

img_1701.JPG
Erste Kontakte im sympathischen Tanzlokal


Doch plötzlich rief ich „Sabine!“ und läutete damit den zweiten Teil des Abends ein. Sabine hatte ich im Chor des Mädchengymnasiums „Englische Fräulein“ kennengelernt, als ich dort einen Abend mit der Bratsche begleitete. Sie verbrachte ihr Erasmusjahr in Montpellier und war ebenso wie ich überrascht über unser zufälliges Aufeinandertreffen. Sie stellte uns eine Matratze in ihrer Wohnung in Aussicht, auf der wir später nächtigen könnten und nahm uns mit zu einem öffentlichen Beisamensein von Erasmusstudenten.

Praktischerweise gibt es in Frankreich kein Gesetz zur Begrenzung der Ladenöffnungszeiten, so dass wir uns in der Nähe der Gasse, in dem sich die Studenten versammelt hatten, in einem nahen Epicier zeitnah mit weiteren Getränken eindecken konnten. Ich führte einige weitgehend sinnfreie Unterhaltungen mit Chilenen und Preußen, bis gegen vier Uhr die Lage langsam unübersichtlich zu werden drohte. Die Meute verlagerte damit ihren Standort und setzte die Feier in Sabines Wohnung fort. Dort suchte ich trotz der andauernden Feierlichkeiten nach der versprochenen Matratze und verabschiedete mich damit nach einer Einschlafzeit im Millisekunden-Bereich von dem bunten Treiben, das noch bis halb acht Uhr morgens um mich herum andauerte.

Aus nachvollziehbaren Gründen waren unsere Vitalkräfte am nächsten Tag begrenzt. So suchten wir zunächst den botanischen Garten auf, in dem wir in einem unbeobachteten Bereich den kurzen Schlaf der Nacht noch etwas fortsetzten. Montpellier war eine andere Welt als Toulouse. In den ruhigen Gassen und Parks flanierten die Menschen bei sonnigem Wetter und genossen das Lebensgefühl, das die durchdachte Architektur der Stadt ganz automatisch erzeugte. Im botanischen Garten lag der Duft von Pinien und exotischen Pflanzen in der Luft, zu dem man Vögel zwitschern hörte, die in Toulouse innerhalb weniger Sekunden an einer Rauchvergiftung sterben würden. Ich bedauerte, dass Siemens VDO keinen Standort in Montpellier hatte und beschloss, die Matratze in Sabines Wohnung noch des Öfteren zu benützen. Montpellier steht damit auch auf der Liste der Tagesordnungspunkte von Leuten, die mich hier in Toulouse besuchen wollen, ganz weit oben.

img_1738.JPG
Katalanische Einflüsse in der Urbanistik

Advertisements

Praktikum – Tag 1

Montag, 16. Oktober 2006

Nachdem ich mit den bisherigen Postings der Realität drei Täge hinterherschrieb, boten die verhältnismäßig ereignislosen Tage des Wochenendes nun die Gelegenheit, zur Gegenwart aufzuschließen. Haupthandlungsfelder für Freitag bis Sonntag waren:

– Reinigung und mehrtätiges Auslüften der Wohnung einschließlich der Entsorgung einer nicht unerheblichen Menge an Körperbehaarung, die relativ gleichverteilt in meinem Zimmer zu finden war
– Eröffnen eines Bankkontos, das etwa 75 Minuten in Anspruch nahm („Straight through processing“ gibt’s ja bisher nur am ibi in Regensburg)
– Sozialisierungen mit Deutschen und Spaniern einschließlich Alkoholmissbrauch und Nachtleben
– Einrichten der völlig leeren Wohnung, aus der mein Vorgänger sogar die selbst erworbenen Vorhänge im Zuge seines Umzugs mittransportierte

Nachdem ich damit die wesentlichen Erfahrungen eines Auslandspraktikums in Hinblick auf Belastbarkeit, Selbständigkeit und Kommunikationsfähigkeit schon gemacht hatte, konnte heute mein Praktikum beginnen. Darüber darf man ja eigentlich gar nichts schreiben, weil das, was ich mache, extrem geheim ist. Genauer gesagt soll ich die Gesaltung des Intranets einer Abteilung innerhalb der Siemens Group beleuchten. Mehr kann man aber echt nicht sagen.

Viel interessanter ist ja das ganze Arbeitsumfeld. Als Deutscher plant man ja und bereitet sich deswegen auch vor. So las ich mir am Sonntag einen wissenschaftlichen Text über die Unterschiede zwischen deutscher und französischer Arbeitskultur durch.

Die Franzosen kommunizieren demzufolge implizit, handeln personenbezogen, arbeiten simultan an vielen verschiedenen Sachen, trennen Privat- und Berufsleben nicht und arbeiten mit externalisierten Autoritäten auf Dissensbasis. Das liegt daran, dass Frankreich schon immer zentralistisch regiert wurde, dass Einschleimen am Königshof Grundvoraussetzung für beruflichten Erfolg war und dass der Protestantismus in Frankreich nie richtig Fuß fasste. Dagegen trampeln die Deutschen mit ihrer direkten Art den einfühlsamen Franzosen mit expliziten Fakten, aufgabenbasierter Arbeitsweise und Sachorientierung regelrecht nieder. Als ob man das nicht eh schon geahnt hätte.

Mit so viel internationaler Handlungskompetenz und Sendungsbewusstsein sah ich heute meinem ersten Arbeitstag entgegen. Dabei treffen die zitierten Klischees auf mein Praktikumsumfeld nicht zu, weil Siemens ja zum einen ein deutsches Unternehmen ist, was auch Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation in Frankreich hat und zum zweiten die Mitarbeiter in einer IT-Abteilung vielleicht grundsätzlich schon sachlicher an eine Aufgabe herangehen, als das in anderen Bereichen der Fall ist. So war der erste Tag heute absolut positiv zu beurteilen. Die Mitarbeiter in meinem Umfeld sind alle fähig, motiviert, können Sachen auf den Punkt bringen und lachen teilweise sogar über meine Späße. Die Aufgabenstellung meines Praktikums bringt relativ viel Eigenverantwortung mit sich, so dass ich wohl recht wenig typische Praktikantentätigkeiten erledigen werden muss. Außerdem schmeckt das Essen in der Kantine außerordentlich gut und die in Frankreich ausgeprägte Mitarbeiterorientierung bringt auch Annehmlichkeiten wie kostenloses Ausleihen von Filmen oder Sportangeboten mit sich.

Note:
Falls einer der mitlesenden Siemens-Mitarbeiter der Auffassung ist, dass ich hier schon in unzulässiger Weise Interna preisgegeben hätte, möge man das mir bitte mitteilen.