Randgruppen Teil 4/4: Die Erasmus-Studenten

Freitag, 19. Januar 2007

Aufmerksamen Lesern dieses Blog wird es nicht entgangen sein: Der vierte Teil der Serie über Randgruppen stand noch aus. Als seriöser Weblog-Verfasser musste ich nunmal zunächst hinreichend fundiertes Material finden, um hier auch keine Halbwahrheiten zu verkünden. Aus diesem Grund fand ich mich am Dienstag um 22 Uhr mit zwei weiteren Praktikanten in der sympathischen Kneipe „La Soûle“ („Die Betrunkene“) zu einem vermeintlichen Erasmusabend ein. Als um Mitternacht immer noch keine Erasmusstudenten eingetroffen waren, sah ich den journalistischen Auftrag schon stark gefährdet. Wir verabschiedeten uns voneinander und gingen getrennte Wege.

Kurs vor Ankunft an meinem Wohnheim kreuzten drei schlecht Französisch sprechende junge Damen meinen Weg. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass die Gruppe auf dem Weg zu einer vergleichsweise spektakulären Erasmusfeier war und ich beschloss, den Damen zu folgen. Kurze Zeit später erschienen mir persönlich bekannte Italiener vor dem Eingang, mit denen zusammen ich noch kurz ihren Rest an Wodka degüstierte, bevor wir die Disco betraten. Drinnen dann das übliche Erasmusleben: Alkoholkonsum ohne konsequente Zielorientierung, erfolgreiche wie erfolglose Annäherungsmanöver zwischen Männlein und Weiblein und die Erfahrung, dass man viele der Anwesenden schon bei vorigen Erasmusfeten kennengelernt hat, sich aber wegen verschärfter Alkoholisierung oder mangels Inhalt der Unterhaltungen an selbige nicht mehr erinnern konnte. Das zog sich dann bis drei Uhr hin, bevor ich als pflichtbewusster Praktikant in Richtung Wohnheim aufbrach.

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Großzügige Italiener vor der Diskothek Mr Carneval

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Man sieht ganz deutlich, dass einige Franzosen auch was Kleidung betrifft einen guten Geschmack haben.

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Randgruppen Teil 3/4: Die Lichtgestalten

Donnerstag, 23. November 2006

Die warme Sonne, die heute nach längerer Abwesenheit in Toulouse vom A380 auf uns herabschien, kann nicht es nicht vertuschen: Der Herbst ist da. Morgendlicher Nebel, Nieselwetter und kühlere Temperaturen in den letzten Tagen lassen ein Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit aufgekommen. Gerade zu Zeiten, wo Mitarbeiter eines großen Automobilzulieferers in Toulouse zum Streik genötigt werden, weil sie mit Lohnerhöhungen um 2% von den Aktionären des Mutterkonzerns regelrecht ausgebeutet werden, ist der Blick auf eine bestimmte Randgruppe in Toulouse nötiger denn je: die Lichtgestalten.

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Balsam auf das streikende SV-Herz in ungemütlichen Zeiten: Kerzen

Nur wo findet man die Lichtgestalten in Toulouse? Sie sind überall – man muss nur Augen und Herz offenhalten. Auf sympathischen Feiern, zu denen Airbus-Praktikanten einladen, kann man sie ebenso antreffen wie bei Gala-Abenden, die vom Landtag für Erasmusstudenten veranstaltet werden. Fühle die Wärme der Kerzen, absorbiere die positive Energie fernöstlicher Entspannungswellen und du wirst merken, Lichtgestalten sind immer unter uns.


Randgruppen Teil 2/4: Was machen eigentlich die Schwarzen in Toulouse?

Montag, 13. November 2006

Die Antwort ist recht einfach: Aufpassen. Ob an den Drehkreuzen der Metro, am Eingang französischer Discounter oder am Ausgang der Lidl-Filiale ums Eck – über die Sicherheit wacht nahezu ausnahmslos ein Farbiger. Werden in den Gratis-Tageszeitungen Stimmen aus der Bevölkerung zitiert, so lautet die Berufsbezeichnung von Menschen mit afrikanischem Migrationshintergrund in der Regel „responsable de la sécurité“ (Sicherheitsbeauftragter). Auf der anderen Seite habe ich in meinen ersten vier Wochen bei einem großen deutschen Automobilzulieferer noch keine farbigen Mitarbeiter erblickt.

Damit ergibt sich zwischen den Merkmalen „Hautfarbe“ und „Tätigkeit als Sicherheitsbeauftragter“ ein Chi-Quadrat-Koeffizient nahe eins, der wiederum auf einen starken Zusammenhang schließen lässt. Selbst bei Berücksichtigung von dritten Einflussvariablen drängt sich der Verdacht auf, Schwarze würden in nicht sicherheitsrelevanten Arbeitsfeldern sowie außerhalb der Fußballnationalmannschaft diskriminiert. Aus diesem Grund ist einem Bewerbungsschreiben in Frankreich ähnlich wie in den Vereinigten Staaten kein Foto beizufügen. Die Tatsache, dass man in den vorderen Reihen der politischen Parteien und Kommissionen (selbst im „conseil de l’intégration“), der Presse und der Unternehmen keinen einzigen Schwarzen findet, beschreibt man in Frankreich mit einem Informatikern vertrauten Wort: Die Schwarzen sind in Frankreich transparent. Man kann also durch sie hindurchsehen und leben, als ob sie nicht existierten.


Randgruppen in Toulouse – Teil 1/4: Les SDF – die Obdachlosen

Freitag, 10. November 2006

In der hiermit eröffneten vierteiligen Serie sollen einmal die Menschen in den Vordergrund gerückt werden, die sonst nicht im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen.

Verglichen mit deutschen Verhältnissen stellen die Sans-Domicile-Fixe in Toulouse eine verhältnismäßig große Gruppe dar. Anstelle von 350 Euro Hartz IV und einer Sozialwohnung gibt es in Frankreich bestenfalls einen Unterschlupf in einer dedizierten Herberge, die dann auch nur nachts ihre Tore geöffnet hat. So begegnen mir jeden Morgen und Abend in meiner in Bahnhofsnähe gelegenen Straße zahlreiche Menschen, die am Straßenrand um Kleingeld bitten. Öffne ich während des Abendessens das Fenster, kann ich teilweise hochemotionale Unterhaltungen kleiner Gruppierungen lauschen, die es sich vor der Lidlfiliale neben meinem Wohnheim mehr oder weniger bequem gemacht haben.

Dabei handelt es sich keineswegs immer um Menschen, die mit ihrem Gesellschaftsleben weitgehend abgeschlossen haben. So führt Arbeitslosigkeit und Verbindung mit der Wohnungsknappheit Zeitungsberichten zufolge des öfteren dazu, dass ganze Kleinfamilien zeitweise auf der Straße leben und lediglich die Nächte in den oben erwähnten Herbergen verbringen. Andere Obdachlose haben in idyllischer Lage auf der Insel in der Garonne ihre Zelte aufgeschlagen, die aber von Ordnungsmächten wieder geräumt wurden. Der ihnen daraufhin zugewiesene Zeltplatz 5 km nördlich des Stadtzentrums sagte ihnen jedoch nicht zu. Man habe das Recht darauf, im Stadtzentrum zu wohnen, heißt es von Seiten von Obdachlosenverbänden.

Im Vergleich zu deutschen Obdachlosen ist der französische SDF ausgesprochen freundlich. Er grüßt höflich, bevor er nach Kleingeld fragt, und fügt ohne Zynismus auf eine negative Antwort hin ein freundliches „Bonne journée quand même“ (trotzdem noch einen schönen Tag) hinzu. Soviel Kundenorientierung hat mich dazu bewogen, regelmäßig einen Teil meines Baguettes abzutreten. So ein ganzes Baguette, das aus Gründen der Frische innerhalb eines Tages konsumiert werden will, ist sowieso etwas zu viel für einen Auslandspraktikanten.

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Ein kurzer Blick aus dem Fenster