Der Himmel lichtet sich

Samstag, 14. Oktober 2006

Passend zur Stimmung prasselte der Regen die ganze Nacht hindurch auf das Dachfenster meines Zimmers. Beim Frühstück mit Madame, bei dem ich aus Gründen des Anstands meine noch feuchte Hose anzog, deutete sie an, dass ich meine Erwartungen so langsam nach unten schreiben sollte. Sie erzählte mir, dass sie Mitglied in einer Organisation sei, bei der Studenten und Praktikanten ein Platz in der Wohnung älterer Leute vermittelt wurde. Das sei nicht teuer und es würde sich auch schnell ein Zimmer für mich finden. Ich versuchte, ein nicht zu niedriges und nicht zu hohes Maß an Begeisterung vorzutäuschen und rief die Chefin der Organisation an. Für den Fall, dass Madame mich nicht mehr bei sich haben wollte, sollte die Organisation ein recht zuverlässiger und günstiger Zufluchtsort sein.

Gegen halb zehn war dann auch meine Hose halbwegs trocken, so dass ich mich auf den Weg zu den am Vortag positiv beurteilten Anzeigen im CRIJ machte. Dort warteten bereits etwa 15 weitere Jugendliche vor verschlossenen Türen, die anschließend mit mir zu Wohnungsannoncen stürmten. Das erinnerte mich etwas an die Videos, die man im Internet gelegentlich von der mit Sonderangeboten garnierten Eröffnung von Media Märkten in Polen sehen kann. Es gab wieder zahlreiche neue Anzeigen. Während die Franzosen fleißig Nummern und Beschreibungen in ihren Blöcken notierten, rief ich die Leute direkt mit dem Handy an. Von den vier Anzeigen, die ich mir zusagten, war allerdings niemand erreichbar. Das war jetzt auch nicht schlechter als erwartet. Zumindest hatte ich dort nun als erster angerufen.

Eine Dame am Empfang verwies dann auf einen Ordner, in der Angebote speziell für jugendliche Arbeiter und Praktikanten zu finden waren. Das bisher schwerwiegendste Problem, dass ich nur drei Monate in Toulouse verbringen würde, sollte dort kaum ins Gewicht fallen, weil eine kurze Aufenthaltsdauer bei Praktikanten ja ganz normal ist. Ich stieß auf eine Liste mit Wohnheimen für Praktikanten, die sich auf Französisch „foyer“ (Empfangshalle) nennen. Eines der aufgelisteten Foyers lag ganz nett im Stadtzentrum. Ich rief an und man bat mich, direkt vorbeizukommen.

In der Mitte einer kleinen ruhigen aber dennoch zentralen Gasse befand sich die Résidence des Jeunes Travailleurs inmitten rötlichen alten Gebäuden. Das Nieseln des Morgens war mittlerweile einem strahlenden Sonnenschein gewichen, der das Viertel in eine idyllische Altstadtlandschaft tauchte. Im Hof begrüßte mich eine Dame, überreichte mir ein Blatt mit Informationen über die Herberge und einen Antrag, den ich bei Gefallen unterschreiben sollte. Man hatte hier Zimmer mit etwa 12 m² und große Gemeinschaftsbereiche, in denen man auch mit Laptop ins Internet gehen konnte. In den 450 € waren Frühstück und sechs Abendessen im Monat inbegriffen. Das einzige aber umso bedeutsamere Problem bei dieser Herberge war, dass keine Plätze frei waren. Die Angestellte meinte, dass hier relativ regelmäßig Leute die Herberge verlassen würden, so dass wahrscheinlich in etwa zwei Wochen bei meinem jetztigen Listenplatz für mich etwas freiwerden würde.

Das war die erste wirklich positive Erfahrung bei der Suche nach einer festen Wohnung. Die zwei Wochen bis zum Freiwerden eines Platzes könnte ich vielleicht bei einer der alten Damen der Organisation meiner derzeitigen Vermieterin verbringen. Auf diese Weise würde ich zunächst etwas Alltagsleben mitbekommen und mit anschließend in der Herberge weiter sozialisieren.

So positiv gestimmt, gönnte ich mir zum ersten Mal in Toulouse eine Mittagsmahlzeit. Ich machte mir in meiner vorübergehenden Wohnung ein Baguette und erzählte Madame von den Neuigkeiten. Sie war spürbar erfreut, dass sie nicht weiter auf das Senken meiner Anforderung an eine Wohnung hinwirken musste.

In der Zwischenzeit hatte einer der Menschen, die ich am Morgen zu erreichen versucht hatte, zurückgerufen. Er hatte mir einen Platz in einem Wohnheim anzubieten, für den ich 490 € zahlen müsste. Das klang auch nicht schlecht und so versprach ich, um 18:30 Uhr bei ihm vorbeizusehen.

Als ich vor seiner Unterkunft ankam, bemerkte ich, dass ich die falsche Hausnummer notiert hatte. Daher war mir auch nicht aufgefallen, dass sein Wohnheim tags zuvor die Nummer eins meines Ratings belegt hatte. Pech und Glück wechseln sich wohl oft nicht ab, sondern treten schubweise am Stück auf. Redouane empfing mich am Eingang der Herberge und zeigte mir die Räumlichkeiten. In seinem Zimmer roch es recht intensiv nach Rauch und den Essensresten, die wohl schon einige Zeit in seiner Küchenecke herumlagen. Aber ich musste ja nicht mit ihm zusammenleben, sondern würde sein Zimmer beziehen. Die Gemeinschaftseinrichtungen waren eher schmal gefasst. Doch gab es immerhin Internetanschlüsse in einem Gemeinschaftsraum und Waschmaschinen. Redouane meinte, ich könnte das Zimmer bereits am nächsten Tag beziehen. Ich trauerte kurz dem ruhigen Foyer vom Nachmittag nach und sagte anschließend Redouane zu, dass ich das Zimmer morgen beziehen würde.

In dieser Nacht schlief ich so beruhigt wie schon seit langem nicht mehr. Am nächsten Tag, dem Freitag, würde ich noch rechtzeitig vor Beginn des Praktikums alle nötigen Behördengänge hinter mich bringen können.

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Wohnungssuche Tag zwei – jetzt kann’s nur noch aufwärts gehen

Samstag, 14. Oktober 2006

Für diesen Tag hatte ich Großes vor. Wenn man den ganzen Tag intensiv suchen würde, sollte man schon eine annehmbare Wohnung finden, sagte ich mir. Beim Frühstück räumte die Dame, in deren Haus ich die Nacht verbracht hatte, ein, dass es ihr nun doch nicht recht sei, wenn ich dauerhaft bei ihr wohnen würde. So musste ich nun immerhin keine Vorwände erfinden, warum mir ihre Wohnung nicht gefiel, und konnte mit den Tipps, die sie mir im Anschluss gab, reinen Gewissens mit der Wohnungssuche beginnen.

Mein erster Anlaufpunkt war das Internetcafé vom Vortag. Zwar war es nun um acht Uhr morgens noch nicht geöffnet, an der Verfügbarkeit des WLAN änderte das allerdings nichts. Ich setzte mich auf die Eingangsstufen, nahm mein Laptop und durchsuchte einige Seiten nach Wohnungsanzeigen. Da Anrufe bei den meisten Anzeigen nur abends erwünscht waren, beschloss ich, mich für den Morgen auf Studentenwohnheime zu fokussieren.

Inzwischen kam ein Angestellter des Cafés vorbei und fragte mich, ob ich ins Internet gehen wolle. Ich bejahte wahrheitsgemäß und schlich mich ums Eck, wo er mich nicht mehr sehen konnte, das WLAN aber immer noch gut genug war.

Unter den zahlreichen Studentenwohnheimen suchte ich diejenigen mit halbwegs zentraler Lage heraus und rief die angegebenen Nummern an. Die meisten Wohnheime waren erwartungsgemäß ausgebucht. Nur zwei hätten noch freie Zimmer. Aufgrund meiner geringen Verweildauer in Toulouse von nur gut drei Monaten sollte ich allerdings einen Tagestarif von etwa 30 Euro zahlen. Auf den Monat hochgerechnet ist das eine ziemliche Unverschämtheit. In einem Wohnheim konnte man mir auch einen Platz auf Monatsbasis anbieten. Dort sollte ich mit meinen Eltern erscheinen, die eine Verdienstbestätigung sowie die Kontoauszüge der letzten Monate mitbrächten. Auch das erschien mir nicht die wirtschaftlichste Lösung.

Das Thema Studentenwohnheim war damit abgehakt und ich konnte nun den Tipps meiner Vermieterin der letzten Nacht nachgehen. CROUS und CRIJ sind jeweils gemeinnützige Organisationen, die Studenten bzw. Jugendliche grundlegenden Problemlagen wie der meinen unterstützen. Vor allem in letzterem fand ich jede Menge guter Wohnungsanzeigen, bei denen ich allerdings entweder zu spät kam und sich die Eigentümer nicht bereit erklärten, mich für nur drei Monate zu beherbergen. Immerhin gab es eine Tafel mit den Anzeigen des Tages, die nach Auskunft der Dame am Schalter jeden Morgen um zehn aktualisiert würden. Im Anschluss ging ich an die Wirtschaftsuniversität, wo man mir einen Ordner mit Anzeigen gab. Ich notierte fleißig Telefonnummern von zumutbaren Angeboten.

Mittlerweile war es Abend und damit konnte ich die zahlreichen Anzeigen abtelefonieren, die ich im Tagesverlauf gesammelt hatte. Zwei Wohnungen waren noch nicht vergeben und ich könnte sie am gleichen Abend besichtigen. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon recht erschöpft. Ich war den ganzen Tag mit meinem Laptop durch die Stadt gerannt und die vielen Absagen, die ich im bis dahin bekommen hatten, wirkten auch nicht unbedingt aufbauend. Ich ging die Treppe der Metro hinab, um zur ersten Wohnungsbesichtigung zu fahren.

Während ich auf den Zug wartete, rief hinter mir ein Mädchen „Olivier! Olivier!“. Ich sah mich um. Am Aussehen konnte ich nicht sofort erkennen, wer da vor mir stand. Es konnte sich aber eigentlich nur um Audrey handeln. Audrey hatte wie ich in Mailand ein Erasmusjahr verbracht und kam aus Toulouse. Ich hatte sie zuvor nicht kontaktiert, weil sie in meiner Erinnerung nach in Paris studierte. Außerdem hatte ich sie nur wenige Male gesehen, weswegen mir ihr Gesicht auch kaum Erinnerung geblieben war. Das skurrile an dieser Situation war, dass mich Audrey bereits während meines ersten Besuchs in Mailand nach der Erasmuszeit in der Jugendherberge erkannt hatte. Wahrscheinlich wird mich die Dame noch öfter in meinem Leben verfolgen. Sie erklärte mir, dass sie mit ihrem Studium bereits fertig sei und nun in Toulouse für Motorola arbeite. Audrey hatte leider auch keine Wohngelegenheit für mich, wir wollten uns aber in den nächsten Tagen einmal treffen.

Als ich bei der Metrohaltestelle in der Nähe der zu inspizierenden Wohnung ankam, bemerkte ich, dass ich mitten in einen Wolkenbruch geraten war. Da ich eine Dreiviertelstunde später schon bei der nächsten Wohnung sein wollte, schob ich Bedenken bezüglich des Laptops in meinem Rucksack beiseite und rannte durch den Regen. Immerhin fand ich die Wohnung auf direktem Weg und kam völlig durchnässt an.

Am Eingang der Wohnung im dritten Stock roch es bereits recht merkwürdig. Die beiden Bewohner hielten sich im Eingang einige Mäuse in Käfigen, die sie anscheinend nicht allzu häufig reinigten. Einer der Bewohner zeigte mir mein Zimmer, das von dem penetranten Geruch der Mäusepisse etwas entfernt war. In dem Zimmer befand sich eine Matratze auf dem Boden sowie ein Schrank. Sylvan erklärte mir, dass sie einen Mitbewohner suchten, der zumindest bis Juni blieben sollte. Seine träge und emotionslose Art deutete auf langjährigen Marihuanamissbrauch hin, dessen Geruch hier in der Wohnung vermutlich in dem der Mäuseexkremente unterging. Manchmal ist es unfassbar, unter welchen Bedingungen Menschen leben können. Da erschien mir selbst der Komfort im panamaischen Urwald noch höher. Für diese Wohnung war ich nun zehn Minuten durch den Regen gelaufen und hatte zudem die Pünktlichkeit bei der nächsten Wohnungsbesichtigung aufs Spiel gesetzt.

Ich rannte zurück zur Metrohaltestelle durch den immer noch anhaltenden Regen. Positiv an den soeben gemachten Erfahrungen war, dass es ab jetzt nur noch aufwärts gehen konnte. In der Metro wies mich ein kleiner Junge darauf hin, dass mein Rucksack offen war. Glücklicherweise war dies wohl erst seit dem Betreten der Metro so und der Laptop damit noch trocken. Ein anderes Mädchen bot mir Tempos an. Der Gesamteindruck, den ich mit meinen klitschnassen Klamotten mit nahezu volltransparentem T-Shirt hinterließ, war zugegebenermaßen suboptimal.

Die nächste Wohnung war näher am Zentrum gelegen und die Dame am Telefon klang auch wesentlich vertrauenserweckender. Ich kam dort mit einer in Frankreich unwesentlichen Verspätung an und rief die Vermieterin nochmals an, damit sie mir die Tür öffnete. Sie meinte, ich sollte hineinkommen, was aber an dem verschlossenen Zustand der Tür nichts änderte. Ich kontrollierte nochmals Straße und Hausnummer und rief erneut an. Die Dame meinte, ich solle einfach hineinkommen. Ein kurzer Blick nach rechts klärte die Situation. Die benachbarte Immobilienagentur hatte dieselbe Hausnummer und die Dame am Schalter hatte soeben mit mir telefoniert. Für Provisionen von Immobilienagenturen war in meinem Budget bei einem dreimonatigen Aufenthalt bestimmt kein Platz und so trat ich die Reise zu der Dame, bei der ich schon die Nacht zuvor verbracht hatte an.

An diesem Mittwoch Abend war ich mit der Gesamtsituation unzufrieden. Ich hatte immer noch den penetranten Gestank der Mäuse in Nase und keine trockene Hose mehr, weil ich fast mein ganzes Gepäck im Bahnhof abgegeben hatte. Außerdem müsste ich bis zum Praktikumsbeginn am Montag noch eine Wohnung finden, einen Mietvertrag abschließen, umziehen, ein Bankkonto eröffnen, das Studententicket für den Nahverkehr und einen Zuschuss für die Wohnung beantragen sowie mich um eine Aufenthaltsgenehmigung kümmern. Voilà.


On est complet – auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf

Freitag, 13. Oktober 2006

Mein erstes Ziel in Toulouse war die dortige Jugendherberge. Ich hatte es nicht für nötig gehalten, vorab zu reservieren, weil ich an einem Dienstag im Oktober keinen großen Touristenandrang in Toulouse erwartet hatte und man zudem per Fax hätte reservieren müssen. Ich quälte mich mit meinem Gepäck den Berg zur Jugendherberge hinauf und betrat schweißüberströmt den Empfang.

Man sah mich erstaunt an und teilte mir nach einer kurzen Schrecksekunde mit, dass die Herberge für die gesamte Woche ausgebucht sei. Auch in dem Hotel auf der anderen Straßenseite waren bereits alle Betten ausgebucht. Man schickte mich ins Office de Tourisme, wo man mir lediglich ein Zimmer in einem Hotel 10 km außerhalb der Stadt anbieten konnte. Das war weder als Startpunkt für die Wohnungssuche noch in Hinblick auf ein studentisches Budget vertretbar. Der Grund für den kurzfristigen Engpass sei ein Festival in dieser Woche gewesen.

Ich malte mir kurz aus, die Nacht auf Erasmusfeten zu verbringen und tagsüber im Park zu schlafen, redete mir dann aber ein, für solche Heldentaten schon zu alt zu sein. Außerdem muss man bei der Wohnungssuche ja einen seriösen Eindruck machen. Glücklicherweise hatte ich über Sebastian im Vorfeld Kai kennen gelernt, der letztes Jahr ein Praktikum in Toulouse gemacht hatte. Ich rief seine damalige Vermieterin an, die mich wiederum an die HR-Abteilung von Siemens weiterleitete. Die Dame am Telefon bat mich um meine Emailadresse, um mir eine Liste mit möglichen Anlaufpunkten zu schicken.

Während ich bei der französischen Telekom einen Handyvertrag abschloss, fiel mir auf, dass ich der Dame von Siemens eine falsche Emailadresse gegeben hatte. Da das französische Buchstabieren einen Großteil meiner Denkkapazität beansprucht hatte, hatte ich den vorderen Teil meiner stud-Adresse mit dem hinteren Teil meiner GMX-Adresse kombiniert. Ich rief die Dame – dieses Mal mit meinem Handy – erneut an und gestand, ihr eine falsche Emailadresse gegeben zu haben. Dabei kam ich mir vor wie Whoopy Goldberg in „Ghost“, die bei der Eröffnung eines Kontos nach einem neuen Formular bittet, weil sie mit dem falschen Namen unterschrieben habe.

Ich suchte ein Internetcafé (auf Französisch sogar „Cybercafé“) und ließ mir die Liste mit Kontaktdaten kooperativer Wohnungseigentümer ausdrucken. Zwar hatte man dort keine freien PCs, man erlaubte mir aber meinen eigenen Laptop zu benutzen und ich ging über eine von mehreren ungesicherten WLAN-Verbindungen ins Internet.

Jetzt konnte die Suche beginnen. Ich erkundigte mich nach gefährlichen Vierteln, lokalisierte die verschiedenen Angebote auf einer Karte und bewertete sie. Die ersten Anrufe bei potenziellen Vermietern waren recht enttäuschend. Entweder hatte man schon alle Betten vergeben oder man wollte mich nur auf der Basis täglicher Zahlungen im Bereich von 35€ beherbergen. Das hätte immerhin einer vierstelligen Monatsmiete entsprochen und das in einem Land, in dem Praktikanten normalerweise keine Vergütung erhalten.

Lediglich ein Angebot schien erschwinglich zu sein. Eine ältere Dame bot an, mich für 310 € im Monat bei sich wohnen zu lassen. Als ich bei ihr ankam, war es bereits acht Uhr und damit boten sich für den Rest des Tages keine großen Handlungsfelder mehr. Das Zimmer war okay und meine potenziellen Mitbewohner, zwei 18-jährige Studenten im ersten Semester, schienen auch ganz sympathisch zu sein. Dennoch hatte diese Lösung eine ganze Reihe von Nachteilen: Ich dürfte in der Küche anstelle der Kochplatten nur die Mikrowelle nutzen – und das auch nur zu bestimmten Zeiten. Internet gab es keines, Besuch war weder aus Deutschland noch aus meinem hiesigen Lebensumfeld erlaubt und die Dame erschien mir auch recht spießig. Kurz, alles was man sich so unter einem spaßigen Mini-Erasmusaufenthalt vorstellt, würde hier dem gepflegten Umgang mit der gut situierten Madame zum Opfer fallen. Ich bekundete dezent Interesse an der Wohnung, um zumindest diese Nacht hier verbringen zu können. Sie meinte, ich könne auch für 16 € nur eine Nacht hier verbringen. Das war das beste Angebot des gesamten Tages und so ging ich erschöpft und erleichtert ins Bett. Am nächsten Tag würde sich schon etwas finden lassen.


Anreise – l’aventure commence

Donnerstag, 12. Oktober 2006

In Toulouse leben 70.000 Studenten, die größtenteils ab September alle zumutbaren und auch den Großteil der unzumutbaren Wohnungen besetzen, so dass im Oktober nicht mehr viel zu holen ist. Mit diesem unangenehmen Gedanken im Hinterkopf stieg ich am Montag in meinen Nachtzug ein, der mich von München nach Paris bringen sollte.

 

Im Nachtzug trifft man ja oft ganz lustige Gestalten. Ich hatte dieses Mal den letzten Platz aus dem Sparnight-Kontingent in einem Viererabteil ergattert, in dem ich nur eine ältere, französische Dame vorfand, die mir beim Versuch, ihre Sachen am Boden zu verstauen, ihr Gesäß entgegenstreckte. Sie warnte mich vor, dass sie generell schnarche. Zwar habe sie Spezialkissen dabei, könne aber dennoch nicht ausschließen, dass es im Verlaufe der Nacht etwas lauter würde. Als mich dann der Schaffner aufklärte, dass wir die Nacht in dem Abteil lediglich zu zweit verbringen würde, war klar, dass diese Zugfahrt als Distraktionsquelle flachfällt. Immerhin bot mir die Dame an, mich in Paris im Taxi kostenlos mitzunehmen. Ich musste in Paris zu einem anderen Bahnhof fahren und das wäre mit den etwa 50 kg Gepäck, die ich mit mir trug zumindest umständlich gewesen. Bei dämmrigem Licht erzählte mir Marie-Claude, dass sie in Starnberg ältere Menschen, mit denen sie befreundet war, gepflegt habe. Diese Leute seien zwar Österreicher, dürften aber seit den 60er Jahren in mehr ins Land einreisen. Ich stellte einige Vermutungen an, versuchte dann aber, möglichst früh einzuschlafen, um dem Schnarchkonzert zuvorzukommen und überstand die Nacht mit einer gesunden Portion Schlaf.

 

Als wir im nächsten Tag ins Taxi einstiegen, lüftete die ältere Dame das Geheimnis um ihre österreichischen Bekannten. Der ältere Herr jenseits der 90, der trotz seines Alters von Zeit zu Zeit reiselustig die Welt erkundet, sei der letzte österreichische Kaiser gewesen, der wohl nur kurz an der Macht gewesen sei, was zudem auch schon einige Jahre her war. Als sie das Wort „Habsburger“ aussprach, wurde sie leise, damit der Taxifahrer die besondere Brisanz seiner Fahrgäste nicht erahnen konnte. Nun steht das ganze im Internet. Da kann es auch der Taxifahrer nachlesen und dementsprechend agieren.

 

In Montparnasse suchte ich nun meinen TGV. Die französische Bahn hat ähnlich wie viele Billigflieger ein progressives Preissystem, das frühes Buchen unter Ausschluss von Umtauschrechten belohnt. So hatte ich mir für 32 € einen Platz in der 1. Klasse gesichert, auf dem ich in gut fünf Stunden in das 680 km entfernte Toulouse gebracht würde. Nach einigen Metern, die ich am Bahnsteig neben dem Zug entlang ging, kam ich zu den Feststellung, dass man den „Train à grande vitesse“ besser in einen „Train de grande longueur“ umbenennen sollte. Ich schleppte mein schweres Gepäck einige hundert Meter weit, bis ich hinter Wag Nr. 10 meinen Wagen Nr. 11 zu finden hoffte. Ungünstigerweise kam nach Wagen Nr. 10 Wagen Nr. 20, von dem ab schrittweise bis 11 hinuntergezählt wurde. Nachdem ich an der Spitze des Zuges wohl einen beträchtlichen Teil der Strecke Paris-Toulouse zu Fuß zurückgelegt hatte, setzte ich mich durchgeschwitzt auf den breiten Sitz und harrte der Dinge, die da kämen.

 

 

Der TGV ganz leer - will wohl niemand nach Toulouse

Der TGV ganz leer – will wohl niemand nach Toulouse?