Auf den Spuren der Außenwirkung

Montag, 8. Januar 2007

In Zeiten des Web 2.0 braucht man sich dank des Studiverzeichnisses glücklicherweise keine Sorgen mehr darüber zu machen, dass die nichtstetigen Punkte der persönlichen Zeit-Alter-Funktion keine Beachtung finden, so dass ich hier gelassen von meinem Wochenendausflug nach Bordeaux berichten kann. Dank der Unterbringung durch Erasmusbekannte brachte das Wochende neben der touristischen Nutzlast vor allem den soziokulturellen Feinschliff mit sich, der zum Ende meines Aufenthalts in Frankreich hin ganz klar nicht fehlen durfte.

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Hier freut sich Felix, deutscher Siemenspraktikant und passionierter Mitreisender, zurecht: Kaum hat man ein Stück Kunststoff in der Galette (Kuchen) entdeckt, wird man zum König gekrönt.
So empfing uns in Bordeaux mit Alban und Kriszta aus Ungarn die intellektuelle Crème de la Crème meiner Mailänder Erasmusbekanntschaften sowie das erste Pärchen, für das eine Erasmusbekanntschaft letztlich in einer Ehe enden wird. Wir wurden mittags mit ungarischem Birnenschaps, Kartoffelauflauf, Bordeaux-Wein und – dem Dreikönigstag ensprechend – Kuchen versorgt und hatten damit den Restalkohol des Vorabends wieder erfolgreich aufgewärmt. Damit waren wir bereit für eine Stadtbesichtigung, in der sich Bordeaux als wesentlich bürgerlicher als das heiße Pflaster Toulouse herausstellt.

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Sandsteinfarbene Häuser am anderen Ende der weiten Garonne. Die dunklen Abschnitte der Pfeiler lassen erkennen, dass die Garonne den Gezeiten des Atlantiks folgt und deshalb mal höher, mal tiefer steht und mal in die eine, mal in die andere Richtung fließt.

In meiner Zeit in Mailand hatte ich öfter Franzosen getroffen, die kaum ein Wort Deutsch sprachen, dennoch aber regelmäßig zackigen Ausrufen von „Achtung!“, „Schnell!“ und „Jawohl!“ elementare Bestandteile deutscher Alltagssprache parat hatten. Außerdem fragte mich einmal ein Franzose, ob wir in Deutschland öfters beim Frühstück mit unseren Stühlen tanzten. Wie ich an diesem Abend herausstellte, war Louis de Funes an diesen beiden Umständen schuld. „La grande vadrouille“ (Die große Sause) ist nach Meinung unserer Gastgeber ein Film, der zur französischen Allgemeinbildung gehört, und so sahen wir uns das Schicksal drei englischer Bruchpiloten im von den Deutschen besetzten Paris des zweiten Weltkrieges an. Neben wiederholtem „Achtung!“ und „Schnell!“ fand sich in diesem Film auch der berüchtigte Frühstückstanz mit Stuhl wieder, der von uns Deutschen ja sehr geschätzt wird.

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Vor dem Filmstündchen wurden wir von Kriszta mit einem original-ungarischem Letscho versorgt. Prädikat: Hammer.

Am Sonntag fiel uns ein, dass man nicht in Bordeaux gewesen sein kann, ohne die Atlantikküste gesehen zu haben. Auch hier holte uns unsere Vergangenheit ein. Die Betonbauten, die sich stark konzentriert an einigen Strandabschnitten finden, sind nichts anderes als deutsche Bunker aus dem zweiten Weltkrieg. Wir beschlossen, als wahres Zeichen deutsch-französischer Versöhnung Baguette mit Käse und Wurst auf einem der Bunker zu essen. Wenn das die Väter der Römischen Verträge noch mitkommen hätten.

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Deutsche Relikte mit französischer Jugendkunst verziert an der Atlantikküste
Wir lauschten noch ein wenig den hohen Wellen und begaben uns anschließend völlig überwältigt von so viel Gastfreundschaft auf den Heimweg. Im TGV saßen wir einer Lehramt-Mathematik-Studentin gegenüber, die ihrer Aussage zufolge nur weibliche Kommilittoninnen an ihrer Uni in Toulouse hatte. Wie sehr sich doch manchmal unsere beiden Länder unterscheiden…

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Ebbe mit Alban, Kriszta, Felix und dem Erasmus-Olli.

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Besinnliches Sylvester in Frankreich

Mittwoch, 3. Januar 2007

Wie Frankreichs Innenminister und wahrscheinlicher Präsidentschaftskandidat Sarkozy verkündete, verlief Sylvester in Frankreich dieses Jahr erfreulich ruhig. So wurden dieses Jahr in der Sylvesternacht lediglich 313 Autos angezündet, während im Vorjahr zum Jahreswechsel noch 425 Autos in Flammen standen. Ähnlich beruhigend ist auch die Bilanz des gesamten Jahres 2006. Hier stehen etwa 40.000 brennende Autos einer Zahl von 45.000 im Jahr zuvor gegenüber. Ob man das wohl unter der Frankreich beliebten nachfrageorientierten Konjunkturpolitik versteht?


Weltenbummelei

Dienstag, 2. Januar 2007

Ein Blog ist ja im Prinzip nichts anderes als ein Tagebuch. Deswegen ergibt (und nicht etwa macht) es Sinn, an dieser Stelle einen Tag zu beschreiben. Völlig unrepräsentativ und deswegen interessant war der 30. Dezember:

0.00h – Betreten der Suzie-Wong; unerwartetes Antreffen alter Jahrgangsalkoholiker aus der Gymnasialzeit; Konsum einer Flasche Bier; laue Unterhaltungen

2.30h – Aufbruch; eine zunehmend dicke Schneedecke ab Lappersdorf erschwert die Heimfahrt per Fahrrad; zum Ende hin hohe Steigung bei niedrigen Temperaturen

3.00h – Ankunft in Lappersdorf; Abspülen des Geschirrs des Tages; Packen des Reisegepäcks; Bereitlegen von Reisedokumenten; Überprüfen der Fahrtauglichkeit des wertarmen Zweitrades mit eher negativem Ergebnis

4.00h – Eine Stern-TV-Reportage zum Thema „Euro doch kein Teuro“ bestätigt meine in zahlreichen Diskussionen auf einsamer Flur verteidigten Positionen und verhindert ein sofortiges Einschlafen; anschließend Schlaf

5.30h – Klingeln des Weckers, anschließendes Aufstehen; Ausschalten von Strom und Heizung; Aufpumpen des Fahrrads

6.00h – Abfahrt mit dem wertarmen Zweitfahrrad; mangels funktionierender Bremsen übersteigt die Geschwindigkeit beim Herabfahren des mit Schnee bedeckten Hohen Sandes kaum 10 km/h; gelegentlicher Einsatz der Füße zur Geschwindigkeitsreduzierung; leichtes Unwohlsein aufgrund scharfer Kälte und Schlafmangels

6.30h – Ankunft Regensburg Hbf; Lösen des Bahntickets; Ausdruck des Bahntickets für Paris-München in drei Wochen; Kauf eines Tomaten-Mozzarella-Baguettes

6.43h – Abfahrt mit dem Regionalexpress; Farbe der Augäpfel: Tiefrot; Wirkung auf andere Fahrgäste: unbestimmt; Lesen von McKinsey Wissen zum Thema deutsches Gesundheitssystem

7.50h – Ankunft in Freising; Umstieg in die MVV-Linie 635; Ticketpreis: 2,20€

8.30h – Ankunft am Terminal 2 des Flughafens München; Lösen eines Boarding-Passes am Quick-Check-in-Automaten; Wahl eines von noch vier freien Plätzen; Konsum von Tee und Mitnahme der Zeit

9.15h – Abflug mit Ziel Toulouse; Einnahme eines Platzes neben einem 18-jährigen Franzosen; gemeinsames Durchschlafen; das lediglich von kurzen Essenspausen unterbrochen wird

11.00h – Ankunft in Toulouse; Hundekot in einem Gang direkt nach der Gepäckausgabe im Inneren des Flughafens als sicheres Zeichen, nun wieder in Frankreich zu sein; Busfahrt zur Wohnung

11.30h – Entsetztes Feststellen, dass die 11 Tage zuvor bestellten Bahntickets nach Barcelona nicht im Briefkasten gelandet sind; Fußmarsch zum Bahnhof; einstündiger Dialog mit einem Schalterbeamten und seiner Chefin, der in die Ausgabe neuer Bahntickets mündet

12.30h – Kauf einer Packung Lasagne im benachbarten Lidl; anschließend Verzehr

13.30h – Kurzer Statusbericht an Vertraute über Instant-Messaging-System; anschließend Gepäckoptimierung sowie erneuter Abmarsch Richtung Bahnhof

14.25h – Abfahrt des Zuges der Reihe Corail nach Narbonne; kurze Unterhaltung mit gegenüber sitzender und offensichtlich mitteilungsbedürftiger, alter Französisin; anschließend kurze Schlafphasen

15.40h – Ankunft in Narbonne; Wiederholung katalanischen Vokabulars und Grammatik am Bahnsteig

16.10h – Abfahrt nach Perpignan; positive Beantwortung der Frage zahlreicher Franzosen, ob dies der Zug nach Perpignan sei; Vertiefung katalanischen Vokabulars und Grammatik

16.43h – Ankunft in Perpignan; Konsum eines entsetzlich schmeckenden Fertig-Sandwiches aus einem Supermarkt; Entdecken eines katalanischen Hörfunkangebots mittels Radio-fähigen MP3-Players; Genuss katalanischer Nachrichten mit den Themen ETA-Bombenattentat in Madrid und Hinrichtung Sadams

17.20h – Abfahrt nach Port Bou; positive Beantwortung der Frage zahlreicher Franzosen, ob dies der Zug nach Port Bou sei; angenehme Fahrt aufgrund der fehlenden Auszeichnung eines Wagons mit breiten und bequemen Sitzen als erste Klasse; Studium des katalinischen Lehrbuchs mit kalanischen Hörfunkpassagen im Wechsel

18.10h – Ankunft in Port Bou; gezieltes Dahinvegetieren am Bahnsteig

19.20h – Abfahrt nach Barcelona; Kurzzeitger Versuch, durch Querlegen über drei Sitze eine Schlafphase zu erreichen; Aufgeben dieses Versuchs nach dem Einströmen von Passagiermassen; Wiederaufnahme der Lektüre über das deutsche Gesundheitssystem; zum Ende hin apathischer Genuss katalanischen Hörfunks und Betrachten katalanischer Passagiere, die Fahrtdauer von zweieinhalb Stunden über lediglich Löcher in die Luft starrten

21.48h – Ankunft in Barcelona; physisches Treffen der Kontaktperson mit Anhang; Vorschlag dieser Kontaktperson, das Nachtleben Barcelonas zu erkunden

22.30h – Konsum eines Sandwiches „Frankfurt“ mit Senf und Wurst sowie einer Dose Fanta in der Innenstadt von Barcelona

22.45h – Betreten eines Billiardlokals; Bestellen eines andalusischen Bieres zum für Barcelona sehr hohen Preis von 3,50€; sechs Partien Billiard mit abnehmender Zielgenauigkeit; teils erfolgloser Versuch, sportliche Defizite durch humoristische Einlagen in Katalanisch auszugleichen

23.59h – Weiterhin Billiardspiel, das noch bis etwa 1.30h andauern würde und nach dem ich um 2.00h in der Hospitationsfamilie ankommen würde, in der ich wiederum nach kurzem Abendessen um 2.30h einschlafen würde; subjektiver Eindruck der körperlichen und geistigen Reserven zu diesem Zeitpunkt: erschöpft.


Die Crux mit den Geschenken

Samstag, 23. Dezember 2006

In unserer arbeitsteiligen Gesellschaft macht ja jeder am besten das, was er am besten kann. Regelmäßig zur Weihnachtszeit bemerke ich dann, dass das Einpacken von Geschenken bei mir nicht zu diesen Kernqualifikationen gehört. Da versuche ich, Unzulänglichkeiten beim Verpackungsprozess an den innen befindlichen und damit nicht sichtbaren Teilen der Verpackung zu verbergen und bin froh, wenn der Tesa bis zum Auspacken des Geschenks durchhält und die zusammengewurschtelten Stellen nicht zum Vorschein kommen.

In jedem Fall reicht aber meine Realitätswahrnehmung so weit, dass ich meine Tätigkeit des Geschenkverpackens nicht gewerblich anbieten würde. Ganz anders verhielt sich das heute bei einer Angestellten im „Lafayette Maison“ in Toulouse. So hatte die Dame, die vor mir in der Schlange stand und nach außen hin bereits einen eher gestressten Eindruck machte, mit zwei quaderförmige Pflegeartikeln vermeintlich einfache Produkte zum Einpacken abgegeben. Was dann folgte, hätten Mr Bean oder auch ich nicht überzeugender darstellen können.

Zunächst muss man sich ja das Geschenkpapier passgenau zurechtschneiden. Dazu war eine Rolle mit Geschenkpapier vor einen scharfen Abreißbalken (ähnlich wie in einer Packung Frischhaltefolie) aufgehängt. Als auch der dritte Versuch scheiterte, das Papier mit Hilfe dieses Abreißbalkens sauber von der Rolle abzutrennen, erhöhte sich spürbar der Puls der wartenden Dame vor mir. Die Angestellte erkannte, dass sie mit alleiniger Verwendung des Abreißbalkens das Papier nicht sauber abtrennen können würde und schnitt sich mit einer Schere den Teil des Papiers zurecht, der in den bisherigen Abreißversuchen noch nicht eingerissen war. Die so zurechtgeschnitte Fläche war nur viel zu groß für den kleinen quaderförmigen Kosmetikartikel.

Immerhin kam inzwischen eine zweite Angestellte zur Hilfe. Sie beschloss, das zweite Produkt der schnaufenden Kundin zu verpacken, das sich in seinen Ausmaßen kaum vom ersten unterschied. Nach etwa zwei Minuten war dieses zweite Produkt dann verpackt, so dass die neue hinzugekommene Angestellte mein Geschenk verpacken konnte. Indes war der Verpackunsprozess des ersten Pflegeartikels der Dame vor mir immer noch in vollem Gange. Die Angestellte näherte sich mit Hilfe eines Approximationsverfahrens immer näher an die tatsächlich benötigte Fläche an Geschenkpapier an. Dabei griff sie schließlich zu Techniken, die selbst mir etwas zu puristisch sind. So wird das Geschenkpapier über Produkt gelegt und gefaltet. Der an den Rändern überstehende Teil des Geschenkpapiers wird nun im gefalteten Zustand abgeschnitten. Bewegt man nun das Geschenkpapier etwas, so ragt der unter Teile des Randes über den oberen Teil hinaus, was nicht unbedingt optimal aussieht. Durch geschicktes Zukleben der verpfuschten Stellen konnte der Verpackungsprozess dieses ersten Kosmetikartikels nach etwa zehn Minuten dann doch abgeschlossen werden und der Blutdruck der Dame vor mir in der Schlange schien wieder leicht zu sinken.


Initation à la dégustation

Samstag, 16. Dezember 2006

Wein ist in Frankreich ja total wichtig. Nur leider versteht man als Deutscher nicht allzu viel vom edlen Tropfen. Hier hakte eine kleine Erasmus-Organisation ein, die einen Abend zur Beseitigung önologischer Wissensdefizite zum bescheidenen Preis von neun Euro anbot.

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Konzentriertes Degüstieren

Es gibt drei Wege, um das Wesen eines Weines zu erforschen: Über die Augen, die Nase und den Mund. Man beginnt mit der Nase. Zunächst riecht man am ruhenden Wein und analysiert anschließend, welche Geruchselemente nach dem Durchschütteln des Weines hinzukommen. An dieser Stelle kommt der visuelle Sinn hinzu. Nach dem Durchschütteln lassen sich nämlich die Tränen des Weines erkennen – und je mehr Tränen man sieht, umso mehr Alkohol hat der Wein. Letzte Etappe ist dann der Geschmacksinn. Hier kommt es vor allem darauf an, den Wein lautstark von einem Ende des Mundraums an das andere zu befördern, um dabei nochmals möglichst viele Geschmackstoffe zu reaktivieren. Wichtig ist hierbei vor allem, nicht durch spontanes Lachen, das angesichts der merkwürdigen Geräusche aufkommen kann, den professionellen Gesamteindruck zu trüben.

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Alles da: Wein, Brot zum Neutralisieren des Geschmacks im Mundraum, ein Eimer, der einem die unerwünschte Alkoholisierung durch das Ausspucken erspart, sowie eine Dozentin


Vorsicht, Kunde!

Dienstag, 12. Dezember 2006

Mitarbeiter in Staatsbetrieben gelten ja oft als unmotiviert und wenig kundenorientiert. Dementsprechend hatte ich heute auch keine großen Erwartungen, als ich mich an einem Schalter der französischen Bahn SNCF über Möglichkeiten informieren wollte, an Sylvester günstig nach Barcelona zu gelangen. Der Schalterbesuch war auch erst notwendig geworden, weil die Homepage der französischen Bahn in den kurzen Momenten, in denen sie verfügbar ist, nicht in der Lage ist, eine derartig komplexe Verbindungsanfrage zu bearbeiten. Und ein paar Klicks auf der deutschen Seite liefern zwar nach wenigen Sekunden sämtliche Verbindungen, die allerdings aus verständlichen Gründen ohne Preisangabe ausgegeben werden. Interessanterweise gibt es übrigens lediglich drei brauchbare Verbindungen pro Tag, obwohl Toulouse und Barcelona jeweils die größten Städte in den „Ecken“ der beiden Länder und zudem keine 400 km voneinander entfernt sind.

So stand ich heute vor dem Schalterbeamten der SNCF. Er machte sich noch kurz mit seinem Kollegen über den Kunden vor mir lustig, bis er mir mit einem kurzen Blick signalisierte, dass er mir nun zuhören würde. Als ich ihm sagte, dass ich vor allem wissen wollte, wie teuer die Fahrt nach Barcelona sei, meinte er, dass mich das 50 Euro kosten würde. Auf meine Frage hin, ob das auch für 24-Jährige gelte, korrigierte er auf 40 Euro. Um sicherzugehen, fragte er noch seinen Kollegen, der das Gebot von 60 Euro auf den türkischen Bazar hinzufügte.

Ich bat, eine Verbindung herauszusuchen, um mir eine genaue Preisangabe zu geben. Mit einer gewissen Empörung nahm der Angestellte zur Kenntnis, dass ich seinen Lieblingszug um 7 Uhr morgens nicht nehmen könne und er deshalb nach Verbindungen nach 12 Uhr suchen musste. Während er auf seinen Fingernägeln kaute, scherzte er mit seinem Kollegen und klickte von Zeit zu Zeit auf seinem Bildschirm herum. Nach einiger Zeit fand er eine Verbindung für 16 Uhr, für die es jedoch keine ermäßigten Preise gab. Ich fragte, ob das daran läge, dass die Verbindung teilweise in Spanien sei oder ob es nur ein beschränktes Kontingent von ermäßigten Karte gebe. Der Beamte antwortete mir präzise, dass es keine ermäßigten Fahrkarte gebe, wobei er mir übel nahm, dass ich ihn dabei in seiner Unterhaltung mit seinem Kollegen unterbrach.

Ich ging aufs Ganze und riskierte zu fragen, wie viel die nicht ermäßigte Zugfahrt kostete. Der Beamte musterte meinen ganzen Oberkörper, schnaufte kurz und begann schließlich doch, an seinem Bildschirm herumzuklicken. Nach einiger Zeit nannte er 61,80 Euro als endgültigen Preis. Ich bedankte mich und ging, was wiederum mit einer gewissen Empörung zur Kenntnis genommen wurde. Schließlich hatte der Mitarbeiter nun etwa fünf Minuten für mich seine Maus hin- und herbewegt und ich hatte dennoch nichts gekauft.

Unter dem Eindruck dieser Erlebnisse verstehe ich vor allem nicht, warum die Franzosen so scharf auf Staatsbetriebe sind. So musste Sarkozy, der wahrscheinlichste Präsidentschaftskandidat der Rechten, versprechen, französische Versorgerunternehmen nicht noch weiter zu privatisieren, während die Linke mit dem Versprechen, die bisher verkauften Anteile (mittlerweile zum doppelten Kurs) wieder zurückzukaufen, punkten kann. Solange sich diese Ansichten nicht ändern, bleibt wohl nur die Hoffnung auf eine verbesserte Internetseite der französischen Bahn. Dann müsste ich auch keine Schalterbeamten mehr bei ihrer Arbeit stören.


Preis-Wert

Montag, 11. Dezember 2006

Während meines kurzen Abstechers in Regensburg verbrachte ich zwei Abende im neu eingerichteten Carlitos. Dort bietet man seit Neuem ästhetisch ansprechende Bier-Tower an, bei denen man zum maßvollen Preis von 10 Euro ganze 2,5 Liter serviert bekommt. Auch in Toulouse gibt es gelegentlich Bier im Großformat zum ermäßigten Preis. Für 10 Euro erhält man dort allerdings je nach Laune des Barkeepers zwischen 1,2 und 1,5 Liter Gerstensaft. Da stellt sich doch eine Frage: Wo geht das ganze Geld hin?

Die Grundstückspreise sind in Toulouse sicherlich höher als in Regensburg. Den doppelten Literpreis würde das allerdings nur rechtfertigen, wenn die Mieten in Toulouse doppelt so hoch wären wie in Regensburg und die Kosten für den Gastronomiebetrieb zu 100% aus der Miete bestehen. Beides trifft wohl nicht zu. Die Antwort findet man nicht auf der Angebots-, sondern auf der Nachfrageseite. Dort erwirbt der Franzose das Bier weniger mit dem Ziel der Alkoholisierung oder des Durstlöschens – wie in Bayern vereinzelt anzutreffen -, sondern eher um in einen Abend in einem bestimmten Ambiente zu verbringen. Dabei spielt der von Deutschen sorgsam kalkulierte Literpreis freilich eine geringere Rolle. Eine zweite Erklärung liegt in der positiven Nutzenkompenente eines höheren Preises, die in Frankreich eine größere Rolle spielt als in Deutschland. In einem Land mit größeren sozialen Unterschieden, in dem zudem seit Ludwig XIV der Erwerb von Anerkennung durch das Gesellschaftsleben eine tragende Rolle spielt, ist demzufolge einer weitaus größere Masse daran gelegen, die gewünschte Position in der Gesellschaft durch die höheren gezahlten Preise bestätigt zu wissen. Man zahlt also für einen Wert, der durch den Preis erst geschaffen wird.